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Addition durch Subtraktion

Von: Lee Burton

26.04.2015 | Functional Training

Dieser Instinkt ist zwar nicht falsch, könnte aber unvollständig sein. Statt nur daran zu denken, wie man den Organismus verbessern kann, sollte man sich auch überlegen, wie das Umfeld des Patienten zu den Bewegungseinschränkungen beigetragen haben könnte. Wie Gray neulich in einem Artikel schrieb: „Wenn das Individuum in der Vergangenheit keine körperlichen Beschwerden oder Schmerzen bei der Bewegungsausführung hatte, würde ich zunächst dazu raten, seine Umgebung zu verändern.“

Wir begreifen die Umgebung als eine Kombination aus „Lebensstil“ und „Programm“. Vermutlich kennen wir das Trainingsprogramm unseres Patienten, aber was wissen wir über seinen Lebensstil? Sitzt er den ganzen Tag am Computer? Verbringt er jeden Tag mehrere Stunden im Berufsverkehr? Benutzt er ständig sein Smartphone?

Ein Coach, der Korrekturübungen verschreibt, ohne den Lebensstil seines Klienten zu berücksichtigen, ist wie ein Ernährungsberater, der Mahlzeitenpläne erstellt, mit denen er schlechte Essgewohnheiten lediglich ergänzt und nicht behebt. Ein Grünkohl-Salat bringt gesundheitlich relativ wenig, wenn man täglich drei Dosen Limonade trinkt, und genauso kann man mit fünf Minuten Korrekturübungen acht Stunden Schreibtischarbeit nicht wettmachen.

Wie es so schön heißt: „Vorsicht ist besser als Nachsicht.“

Die Daten, die bislang zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Sitzens zusammengetragen wurden, sind eindeutig und verheißen nichts Gutes. Man könnte beinahe sagen, dass Sitzen eine Art neues Rauchen ist. Noch mehr Anlass zur Sorge bietet die Tatsache, dass die Verschreibung von Korrekturübungen nicht ausreicht, um die Wirkungen des Sitzens zu neutralisieren. Als Coaches und Therapeuten dürfen wir negative Verhaltensweisen nicht einfach mit positiven Maßnahmen ergänzen, sondern sollten vielmehr alles daran setzen, den Missstand zu beseitigen.

In einer Studie, die im Mai 2010 in der Fachzeitschrift Medicine and Science in Sports and Exercise veröffentlicht wurde, stellten Wissenschaftler fest, dass Männer, die mehr als 23 Stunden pro Woche vor dem Fernseher oder im Auto saßen, ein 64 Prozent höheres Risiko hatten, an einer Herzerkrankung zu sterben als jemand, der elf Stunden oder weniger pro Woche mit diesen Tätigkeiten zubrachte. Diese Statistik ist alarmierend, aber nicht sonderlich überraschend. Überraschend ist allerdings, dass die Trainingsdauer der Testpersonen so gut wie keinen Einfluss auf das Risiko nahm. Viele der Testpersonen trainierten zwar regelmäßig, saßen aber auch stundenlang, und so stieg trotz der körperlichen Aktivität ihr Risiko für eine Herzerkrankung deutlich an. Die Workouts glichen die negativen Wirkungen des Sitzens also nicht aus. Die Addition einer positiven Eigenschaft reichte nicht aus, um dem negativen Grundzustand entgegenzuwirken.

Gray postete neulich einen Artikel, in dem er auf die Verbesserung der Ergonomie am Arbeitsplatz eingeht (“Fitness Tips for Desk Jockeys”), und darin stellt er eine Reihe einfacher Strategien vor, mit denen man die negativen Wirkungen einer sitzenden Tätigkeit reduzieren kann, beispielsweise indem man mehr Wasser trinkt, den Tag mit dem Sonnengruß beginnt und über den Tag verteilt immer wieder kurze Pausen macht, in denen man sich die Beine vertritt.

Wenn Sie und Ihr Klient anspruchsvolle Fitnessziele haben, werden Sie enorm davon profitieren, wenn Sie sein Lebensumfeld unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls verändern.

Kürzlich haben die BBC und die University of Chester die Auswirkungen des Stehens am Arbeitsplatz untersucht, um die potenziellen gesundheitlichen Vorteile zu quantifizieren. Die Studie ergab, dass die Freiwilligen, die ihre Arbeitszeit im Stehen zubrachten, eine wesentlich höhere Herzfrequenz hatten (etwa 10 Schläge mehr pro Minute), was bedeutet, dass sie pro Stunde 50 Kalorien mehr verbrannten als im Sitzen. Auf das Jahr gerechnet entspricht das 30.000 Kalorien oder 4,5 kg Körperfett.

Dr. John Buckley von der University of Chester sagt dazu: „Dieser Energieaufwand entspricht zehn Marathonläufen im Jahr. Und das nur, indem man auf der Arbeit drei bis vier Stunden täglich im Stehen zubringt.“

Dieser Artikel will keinesfalls sagen, dass man ab sofort auf alle Korrekturübungen verzichten soll. Dieser Artikel will Coaches und Therapeuten vielmehr dazu anregen, Faktoren zu berücksichtigen, die nicht unmittelbar mit dem Training in Verbindung stehen, sich aber möglicherweise ungünstig auf die Gesundheit und Leistung ihres Klienten auswirken. Trotz des gutgemeinten und aufrichtigen Interesses an den Themen Gesundheit und Fitness, die heute in aller Munde sind, herrscht in unserer Gesellschaft leider die Tendenz vor, diese Aspekte als vom Alltag losgelöste Aktivitäten zu betrachten. Wenn unsere Klienten ihr Leben wirklich gesünder gestalten wollen, dann müssen sie schon mehr tun als den Ablauf ihrer Mittagspause zu verändern. Überlegen wir uns also, wie sich die Umgebung verändern lässt, damit alle Beteiligten – d.h. Trainer, Therapeuten und Klienten – ihren Zielen ein Stück näher kommen.

 

Euer Lee Burton

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