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Der Parkour-Präzisionssprung als funktionelle Übung – Theorie

Von: Andreas Kalteis

02.02.2015 | Functional Training

 

 

Was ist Parkour?

Parkour, auch „l’art du deplacement“ – die Kunst der Fortbewegung, ist eine relativ junge Bewegung, die sich von der Philosophie einer Randgruppe zu einer Trendsportart entwickelt hat, die international in den verschiedensten Bereichen Anklang findet. In den 90er Jahren in Frankreich von einer Gruppe Jugendlicher geprägt, welche die Kunst des Flüchtens im Wald von einem Kriegsveteranen erlernt und diese in den urbanen Betonjungeln der Pariser Vorstädte weiterentwickelt haben, verbindet Parkour verschiedenste Elemente aus der Leichtathletik, dem Turnen und Kampfsport, und adaptiert diese für das Überwinden von Hindernissen. Großer Wert wird dabei auf die Präzision und die Kontrolle der Bewegungen gesetzt.

Die präzise Landung

Der Praezisionssprung als funktionelle Uebung

Der Praezisionssprung als funktionelle Uebung

Eine grundlegende Übung für diese Kontrolle ist der „Saut de précision“, der Präzisionssprung. Wenn man es genau nimmt, müsste es eigentlich Präzisionslandung heissen, denn der Begriff Präzisionssprung wird verwendet um eine Vielzahl von Bewegungen zu beschreiben, welche in einer präzisen Landung enden. So kann ein Präzisionssprung aus dem Stand oder aus dem Laufen gemacht werden, aber auch nach einem „Passement“ (Objektüberwindung mit Hilfe der Hände, vgl. Turn-Hocksprung), nach dem Rollen über eine Kante oder dem Schwingen an einer Stange. Es zählt der Abschluss: die präzise Landung. Präzise bedeutet, dass dort gelandet wird, wo es beabsichtigt wird, beispielsweise auf einer dünnen Mauer oder einer Stange. Aber auch wenn die Landefläche gross genug für den gesamten Fuss ist, kann es wichtig sein „die Landung zu stehen“ (Parkour-Slang für das Stehenbleiben ohne Weiterschreiten/Umfallen nach der Landung), beispielsweise wenn kurz nach der Landefläche ein weiteres Hindernis oder ein Abgrund folgt.

Funktionalität

In diesem Artikel werde ich nicht auf die verschiedenen Sprungtechniken eingehen, aber bei Interesse kann ich euch gerne entsprechendes Material zu Weitsprung, Standweitsprung usw. empfehlen. Stattdessen möchte ich auf die Nutzung präziser Landungen im funktionellen Athletik Training eingehen. Damit ein Sprung präzise gelandet werden kann, müssen folgende Elemente im richtigen Mass vorhanden sein:

– die Geschwindigkeit und der Winkel des Eintreffens an der Landefläche

– die zielgenaue Platzierung des Vorderfußes auf der Landefläche

– die nötige (Reaktiv-)Kraft in der Fuß-, Bein-, Hüft- und Rumpfmuskulatur um die Landung abzufedern und

– die nötige intermuskuläre Koordination, speziell in Fuss und Bein, um das Abfedern zu stabilisieren.

Da der Präzisionssprung, bzw. die präzise Landung von Sprüngen, diese Elemente schult, welche im Sport speziell für wichtige Aktionen wie das Abbremsen und den Richtungswechsel essentiell sind, empfehle ich sowohl den Sportlern die ich coache, wie auch den Coaches die ich berate, Präzisionssprünge in ihr Trainingsrepertoire aufzunehmen. Hierbei gibt es gewisse Details unbedingt zu beachten:

 

Unterschiede

  1. Landung

ak_bodenlandung

Anders als bei den typischen Standweitsprüngen und Boxjumps die man aus dem funktionellen Athletik Training kennt, setzt das Parkour Training intensiven Fokus auf das Landen mit dem Vorderfuß.

Bei den bekannten Standweitsprüngen wird meist versucht, das Maximum an Distanz zu erreichen, was den Winkel der Landung so beeinflusst, dass prinzipiell nur ein Erstkontakt mit der Ferse möglich ist. Hierdurch wird jedoch die Kette von Gelenken und Muskeln die für das Abfedern verantwortlich sind um die Funktion des Fußgelenks und der Wadenmuskulatur vermindert, was starke Belastungen für die Gelenke im Bein zur Folge hat und deshalb aufgrund potenzieller Langzeitschäden für das funktionelle Athletik Training meiner Meinung nach nur sehr bedingt geeignet ist.

Bei Boxjumps wird meist ebenso ein Maximum an Höhe versucht zu erreichen, was wiederum winkelbedingt dazu führt, dass die Kante mit dem Mittelfuß zuerst erreicht wird. Während dies bei Boxjumps, wo hauptsächlich nach oben gesprungen wird, weniger problematisch ist, können Mittelfuss Landungen auf Distanz oder nach unten ebenso starke Belastungen für die Gelenke bedeuten und erhöhen die Verletzungsgefahr im Fussgelenk bedeutend.

Deshalb ist das Ziel des Parkour-Präzissionssprungs die Landung auf dem Vorderfuss, bei welcher der Dorsalextension des Fusses entgegengewirkt wird und daher der Fuss am Ende des Abfederns in einer leichten Plantarflexion stehen sollte. Einfacher ausgedrückt bedeutet das, dass bei einer Landung auf flachem Untergrund die Ferse den Boden nicht berühren sollte und bei einer Landung auf einem Objekt oder an einer Kante die Ferse nicht tiefer sinken sollte als der Vorderfuß.

  1. Zielsetzung

Ebenso anders als beim Standweitsprung und den Boxjumps ist die Zielsetzung beim Präzisionssprung nicht zwingend das Überwinden einer grossen Distanz. Im Gegenteil, ich empfehle das Trainieren von Präzisionssprüngen auf mittleren und kleinen Distanzen ab 80 cm. Darüber hinaus empfinde ich nur das Präzisionsspringen bis hin zu jenen Distanzen, die noch sauber und ohne Stabilitätsverlust auf dem Vorderfuss gelandet werden können, vertretbar im Sinne der Nachhaltigkeit. Wenn ihr also für euch selbst, oder für eure Coachees Präzisionssprünge im funktionellen Athletik Training einsetzen wollt, konzentriert euch weniger darauf, so weit wie möglich zu springen, und stattdessen versucht, immer so präzise wie möglich zu landen. Die oberste Zielsetzung bei Präzisionssprüngen im Parkour Training ist eine Landung die nicht nur präzise ist, sondern auch leise und sich weich anfühlt.

Hier geht es zu Teil 2 des Artikels!

 

Euer Andreas Kalteis

Functional Training Magazin

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