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Die drei Wirkmechanismen des Flossings

Von: Dennis Krämer und Andreas Ahlhorn

22.06.2016 | Myofascial Training

Mehr zum Thema Flossing erfährst du auf dem Functional Training Summit in München

 

Schwammeffekt

 

Das »Verschnüren« und »Lösen« per Floss-Band erzeugt einen Schwammeffekt. Im ersten Schritt wird die verbrauchte Flüssigkeit im Gewebe wie Lymphe oder Stoffwechselendprodukte ausgepresst, um dann wieder frische, nährstoffreiche Flüssigkeit aufnehmen zu können. Dieser Schwammeffekt optimiert das neurovaskuläre Versorgungssystem des Körpers. Durch die extrem hohe Kompression wird der venöse Rückstrom zu einem sehr großen Teil unterbrochen und der arterielle Zustrom stark vermindert, je nach Applikation bis zu 100 Prozent. Was passiert jetzt? Die Einschränkung der Blutzufuhr führt zu einer bewussten Ischämie im Muskel. Dadurch verändert sich das biochemische Milieu in den Zellen, die Sauerstoffsättigung und der pH-Wert in der Muskulatur nehmen ab. All dies begünstigt endokrine und zelluläre Prozesse, da der Organismus diesen Eingriff als Reiz empfindet und sich dagegen »wehrt«.

Dauerhaft ist diese bewusste Unterversorgung des Gewebes natürlich negativ zu bewerten. Temporär und fachlich begleitet will man allerdings durch die Kompression des Bandes erst liquides Material wie Lymphe, Stoffwechselendprodukte und verbrauchte Flüssigkeit aus dem extrazellulären Gewebe herauspressen, um dann durch das Abnehmen des Bandes alle Schleusen zu öffnen. In diesem Moment strömt und flutet frische, nährstoffreiche Flüssigkeit ein. Das frische arterielle Blut versorgt die Muskulatur mit Nährstoffen und Sauerstoff, das zurückfließende venöse Blut nimmt die angefallenen Schadstoffe mit.

Diese verbesserte Fluidität sorgt auch für eine verbesserte Vernetzung und Informationsweitergabe zwischen Nervensystem und Faszien. Der Austausch der Flüssigkeit in der extrazellulären Matrix beschleunigt das Wachstum beziehungsweise die Erneuerung der Zellen. Selbst kleine Entzündungen und Einrisse in Muskulatur, Sehnen und Gewebe lassen Schlacken und Stoffwechselendprodukte entstehen, die jetzt herausgeschwemmt werden.

Die Anlage komprimiert die Blut- und Lymphbahnen; Applikationen am Gelenk erzeugen einen hohen Druck in den Arterien. Dieses Verfahren ähnelt dem in der Rehabilitation und im Hochleistungssport eingesetzten Okklusionstraining beziehungsweise dem Blood-Flow-Restriction-Training (siehe Kasten auf Seite 11).

Bei einer Gelenkapplikation kommt es zu einer erhöhten Resorption der Gelenkflüssigkeit in der Kapsel. Die Folge ist eine massive Gewebedurchspülung, wobei Abfallstoffe ausgeschwemmt werden und die Schleusen für eine verbesserte Stoffwechsel- und Ernährungssituation (Trophik) ähnlich einer Hypertrophie geöffnet werden.

Diesen Schwammeffekt macht man sich übrigens auch beim Foamroll-Training zunutze, allerdings nicht über den gesamten Umfang der betroffenen Stelle, sondern nur punktuell auf der Abrollfläche. Das Floss-Band umschließt im Vergleich dazu zirkulär das myofasziale Gewebe.

Wer das Flossing bewusst als Trainingsform einsetzen will, kann damit sogar das Muskelwachstum anregen, da sich durch die Unterversorgung der Systeme die Intensität des Trainingsreizes automatisch erhöht. Studien aus dem Hypertrophietraining mit geflossten Gliedmaßen zeigen, dass es dabei zu anabolen Prozessen wie dem vermehrten Anstieg von Wachstumshormonen und der Aktivierung der Muskelproteinbiosynthese kommt. All das ist aber abhängig von dem Druck auf die Muskulatur per Applikation, der Dauer des Flossings sowie den ausgeführten Übungen.

 

Subkutane Irritation

 

Um dem Patienten sehr schnell Schmerzlinderung zu verschaffen und ihm, wenn auch zeitlich begrenzt, »normale Bewegungsabläufe« zu ermöglichen, ist die durch das Flossen angestrebte subkutane Irritation einer der wichtigsten Effekte.

Subkutane Irritation – worunter sich viele nichts oder nur wenig vorstellen können, hat jeder in seinem Leben schon mehrfach erlebt. Nachdem man sich beispielsweise am Schienbein oder einer anderen schmerzempfindlichen Stelle gestoßen hat, reibt man ganz unbewusst mit der Hand über den betroffenen Bereich. Dieser Reflex hat durchaus seinen Grund, denn der Impuls, den das Reiben auslöst, wird im neuronalen System schneller weitergeleitet als der des Schmerzes. Die Mechanorezeptoren, die auf Druck, Reibung, Bewegung etc. reagieren, »schlagen« also die Nozizeptoren, die Schmerz melden. Oder: Die Schmerzwahrnehmung lässt sich durch bestimmte sensorische Simulationen beeinflussen, was auch die Gate-Control-Theorie belegt. Erst wenn der Schmerz am Einfallstor – im segmentalen Hinterhorn des Rückenmarks – ankommt, wird er überhaupt als solcher wahrgenommen. Schaffen wir es aber als Therapeuten, andere Impulse zu setzen wie beispielsweise durch das Flossing, wird der Schmerz abgeschwächt am Tor ankommen.

Positiv verstärkt wird das Ganze noch durch die Stimulierung der Mechanorezeptoren. Sie vermindern die Sympathikusaktivität, was wiederum zur Folge hat, dass der Muskeltonus im geflossten Bereich gesenkt werden kann. Somit kann man durch diesen »sensorischen Input« (Afferenzen) einen positiven Einfluss auf den motorischen Output (Efferenzen) nehmen.

In der Realität kommt es dann zu einer Überlagerung des Schmerzempfindens durch den neuen Reiz – im Beispielsfall des angestoßenen Beines also durch die Reibung. Diese als hautvermittelte Schmerzreduktion bezeichnete Reaktion macht sich das Flossing zunutze – auf verschiedene Arten:

Gerade bei Patienten mit starken Schmerzen ist daher der subkutanen Irritation große Aufmerksamkeit zu schenken und es lässt sich damit auch ein schneller Behandlungserfolg erzielen. Einerseits lasen sich durch Schmerzen verursachte Schonhaltungen vermeiden und in der Folge weitere entstehende Beschwerden verhindern. Andererseits können mit geringeren oder gar keinen Schmerzen bestimmte Bewegungsabläufe wieder technisch sauber durchgeführt werden und das eigentliche Training kann schneller wieder aufgenommen werden.

 

Kinetic Resolve

 

Die dritte Säule, auf der das Flossing fußt, ist der sogenannte Kinetic Resolve. Kinetic wird vom griechischen Begriff kinētikós = »die Bewegung betreffend« hergeleitet. Resolve bedeutet aus dem Englischen übersetzt »auflösen« beziehungsweise »bereinigen«. Im Falle des Flossens ist hier vorrangig das Lösen von Adhäsionen und Restriktionen, die aus Verletzungen, Fehlhaltungen sowie Überlastungen resultieren, gemeint. Vereinfacht: Das Gewebe beziehungsweise die darunter liegenden Schichten sollen wieder gleiten können. Das können Faszienhüllen sein, die einen Muskel umschließen, Sehnen oder Gelenke. Unglaublich viel aufgewendete Energie bleibt auf der Strecke, wenn es im Bewegungsapparat Restriktionen gibt. Die Kraft kann nicht fließen und muss sich einen anderen Weg suchen, der aber auch wieder zu Überlastungen führen kann.

Doch wie gelingt solch ein Kinetic Resolve? Grundvoraussetzung ist der Druck des Bandes auf eine oder mehrere Schichten. Durch die verwendeten Latexbänder entsteht bei der Anlage mit hoher Kompression eine starke Verbindung (Kohäsion) mit der Haut – ähnlich des Unterdrucks, der auch beim Schröpfen erzeugt wird.

Mithilfe dieser Kohäsion kommt es bei Bewegungen – egal ob aktiv durch den Patienten oder passiv durch den Therapeuten ausgelöst – zu einer dynamischen Verschiebung, Entzerrung sowie zum Lösen des unter der Haut liegenden Gewebes. Dazu zählen aber nicht nur die Unterhautgewebeschichten, sondern auch Faszien, Muskeln und Sehnen. Durch manuelle Techniken werden die darunterliegenden Schichten gegeneinander verschoben und so gelöst. Ein für den Therapeuten recht einfacher, aber für den Patienten schmerzhafter Kinetic Resolve ist die Friktion des angelegten Floss-Bandes. Das bedeutet, der Therapeut verwringt die Applikation und die behandelte Stelle mit seinen Händen. Bitte unbedingt an sich selbst ausprobieren, denn dann kann man die daraus resultierende Unannehmlichkeit einschätzen und wird schnell feststellen, dass der Name Brennnesseltechnik hier nicht von ungefähr kommt.

Dadurch verbessert sich in all den Bereichen auch die Durchblutung, Durchwässerung sowie die Nervenleitfähigkeit und somit die Informationsweitergabe an Gelenke, Muskeln, Sehnen und Faszien. Der Körper schaltet schneller, wenn die Blockade im Gewebe gelöst ist, und ist leistungsfähiger, wenn die Säfte wieder fließen können. Mit diesem Kinetic Resolve und der damit erzeugten Verschiebung der Schichten lassen sich auch die oft sehr schmerzhaften Crosslinks in den Faszien lösen. Diese Wasserstoffbrücken im Bindegewebe bilden sich häufig nach Verletzungen, Fehlhaltungen oder Ruhigstellung und verschlechtern insgesamt die Mobilität und Flexibilität. Sind sie aufgelöst, kann sich der Patient wieder besser bewegen.

 

Euer Dennis Krämer und Andreas Ahlhorn

Auszug aus „Flossing in Therapie und Training
Functional Training Magazin

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Kommentare

27.06.2016 12:56 | Henk Hollanders

Welche Erfahrungen habt ihr bei einen "Golfersellenbogen", kombiniert mit einen, nicht arthrogenen, eher fascial , eingeschränkte Supination? Das Periost der medialen Humuruscondyl ist sehr gereizt, seit mehreren Monate. Henk, Osteopath D.O.

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