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Funktionelles Training für das Sprunggelenk

Von: Dr. Markus Klingenberg

08.06.2016 | Athletiktraining, Functional Training, Rehabilitation, Videos

Dr. Markus Klingenberg live auf dem Functional Training Summit vom 16.-18. Juni 2017 in München

Bei einer einfachen Verletzung nur eines Bandes reicht meistens eine  konservative Therapie mit einer entsprechenden Schienenversorgung für 6 Wochen aus. In dieser Zeit vernarbt das verletzte Band und die Stabilität ist anschließend wieder hergestellt. Sind jedoch zwei oder mehr Bänder an der Außen- und Innenseite des Sprunggelenks verletzt droht in 20-40% der Fälle eine chronische Instabilität. Dann folgen in der Zukunft meistens weitere Verdrehverletzungen. Das Hauptrisiko sind dann weitere Verletzungen im Bereich des Knorpels, der Syndesmose oder der Peronealsehnen.

Es kann aber auch genau das Gegenteil passieren, das Sprunggelenk vernarbt zu sehr und die Stabilität ist im Vergleich zur gesunden Seite verringert. Diese Symmetrie ist ein ganz entscheidender Punkt für Sportler, da sie sich unmittelbar auf viele Bewegungsabläufe im Sport auswirkt.

 

Kompensation von verminderter Beweglichkeit

Mache ich beispielsweise eine Kniebeuge muss die verminderte Beweglichkeit des oberen Sprunggelenks zumindest einseitig kompensiert werden, sobald das Gelenk an seine Bewegungsgrenze stößt. Im Sinne einer aufsteigenden Kette kompensiert dann das Kniegelenk mit einer verstärkten Beugung. Eine typische Folge dieser Kompensation sind dann Beschwerden im Bereich der Patellar- oder Quadrizepssehne. Das gleiche gilt für den Bereich des Ausdauersports. Die Begriffe „Runner´s“ oder „Jumper´s Knee“ sind vielen Läufern aus schmerzlicher Erfahrung ein Begriff.

Gemäß des Joint-by-Joint Approach von Michael Boyle ist den meisten erfahrenen Trainern bekannt, dass eine Hypomobilität, also eine relative Unbeweglichkeit, ein gängiges Problem des oberen Sprunggelenks ist.

Was macht man also? Ist das obere Sprunggelenk instabil, kann ich es durch eine Bandage oder einen Tapeverband von außen stabilisieren oder mit modernen OP Methoden minimalinvasiv stabilisieren (Link: http://www.betaklinik.de/wp-content/uploads/2016/05/BetaOrtho_Flyer_Markus_OSG_20160411.pdf). Wichtig ist in einem solchen Fall auch eine gezielte Stabilisierung der gesamten Beinachse.

Ist das Gelenk im Seitenvergleich zu unbeweglich, kann ich die Beweglichkeit durch ein gezieltes Training in vielen Fällen deutlich verbessern. In einigen frustranen Fällen kann nach umfangreiches Physiotherapie und funktionellem Training des Sprunggelenks eine arthroskopische Narbenentfernung erfolgen.

 

Wie finde ich jetzt heraus, ob mein Sprunggelenk eingeschränkt ist?

Eine der einfachten Methoden ist der „Knie-zur-Wand-Abstand“ (engl. „Knee-To-Wall“). Dabei stellt sich der Sportler ohne Schuhe mit den Zehen vor eine Wand und berührt diese mit dem Knie. Die Ferse bleibt dabei am Boden. Danach bewegt er den Fuß Stück für Stück von der Wand weg bis genau zu dem Punkt, wo die Ferse beginnt den Boden zu verlassen. Er setzt eine kleine Markierung am Boden und testet die Gegenseite.

Auf diese Weise wird die Dorsalextension, also die Streckung im oberen Sprunggelenk, getestet (Zehen zum Knie). Die Streckung ist nach Verletzungen häufiger eingeschränkt als die Beugung im oberen Sprunggelenk (Zehenstand) und für die meisten Kraftübungen relevanter. Normal ist ein Winkel zwischen 30 und 40° in der Dorsalextension. Als grobe Orientierung kann man sagen, dass zwischen den Zehen und der Wand mindestens eine Handbreite Platz sein sollte.

Jetzt habe ich bei einem Sportler eine deutliche Asymmetrie der Sprunggelenksbeweglichkeit festgestellt und habe ihm funktionelle Übungen gezeigt, habe ihn geflosst und getapt. Bis wieder eine Symmetrie hergestellt ist kann es aber etwas dauern.

 

Muss der Sportler in dieser Zeit auf ein Beintraining verzichten?

Nein! Mit wenigen Anpassungen kann man trotz asymmetrischer Beweglichkeit der Sprunggelenke ein Beintraining durchführen. Gewichtheberschuhe mit leichten Absätzen oder der Stand mit den Fersen auf einem Brett oder zwei Hantelscheiben kann dieses Defizit ausgleichen und eine symmetrische Kniebeuge ermöglichen. Alternativ können ein Split Squat oder auch ein Sumo squat ausgeführt werden. Beide Varianten erfordern im Vergleich zu einer „normalen“ Kniebeuge geringer Beweglichkeit im oberen Sprunggelenk. Auch Kreuzheben erfordert eine vergleichsweise geringere Beweglichkeit.

Sehr vorsichtig wäre ich bei vorliegender Asymmetrie grundsätzlich bei Sprüngen, die eine tiefe Abfederbewegung erfordern, beispielsweise hohe Box Jumps.

 

Im hier zu sehenden Videobeitrag zeige ich euch mit Adrianna ein paar einfache funktionelle Übungen zur Steigerung der Mobilität im oberen Sprunggelenk.

In meiner täglichen klinischen Praxis sind effektive Bewegungsanalysen ein fester Bestandteil der Diagnostik, um entscheiden zu können, ob ein funktionelles Training als Therapie sinnvoll und notwendig ist. Beim schmerzfreien Sportler setze ich den Functional Movement Screen (FMS) und den Y-Balance Test (YBT) ein und bei Sportler mit Schmerzen das Selective Functional Movement Assessment (SFMA). In Verbindung mit dem Gespräch, der körperlichen Untersuchung und einer Bildgebung im MRT differenziere ich strukturelle Beschwerden die häufig eine operative Therapie benötigen von funktionellen Beschwerden, die durch ein Training verbessert werden können.

Die Grundregel für jede sinnvolle Trainingstherapie lautet immer: Erst die Diagnose – dann die Therapie! Testet eure Beweglichkeit und die eurer Sportler, setzt euer Wissen ein, therapiert und überprüft, ob das Ganze funktioniert hat!

Euer Dr. Markus Klingenberg

Dr. Markus Klingenberg live auf dem Functional Training Summit vom 16.-18. Juni 2017 in München
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