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Kreuzbandverletzung – kleiner Guide: Erstversorgung, Therapie, Übungen

Von: Marcel Doll und Sebastian Stäbler

23.11.2016 | Rehabilitation

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Printausgabe des Functional Training Magazin

Kreuzbandrisse gehören zu den schwersten akuten Sportverletzungen. Sie können viele Ausprägungen haben. Im Folgenden gehen wir von einer isolierten Ruptur des vorderen Kreuzbandes aus (VKB-Ruptur), also ohne Begleitverletzungen wie Meniskuseinriss oder Riss des Innenbandes. Bevor man die Diagnose VKB-Ruptur stellt, sollte man durch den sogenannten Gravity-Sign-Test einen Riss des hinteren Kreuzbandes ausschließen. Eine VKB-Ruptur wird oft mit einer Verletzung des hinteren Kreuzbands verwechselt, weil beim Test der „vorderen Schublade“ auch eine „falsche vordere Schublade“ entstehen kann.

Die VKB-Ruptur wird meist durch Bagatellbewegungen wie Stolpern, Ausrutschen oder Verdrehen des Oberkörpers im Stehen bei fixiertem Fuß hervorgerufen. Auch ein Sturz aus dem Stand beim Skifahren oder Situationen beim Fußball, wenn das Schussbein auf einmal zum Landebein wird, sind typische Ursachen. Häufigster Verletzungsmechanismus ist dabei ein Einwärtsknicken des Knies und ein Kippen des Oberkörpers nach hinten bzw. eine Rotation des Oberkörpers. Dies führt zu einer Kniestauchung (Distorsion des Kniegelenks) oder im schlimmeren Fall zu einem Bänderriss im Kniegelenk. Um eine optimale Versorgung der Verletzung und somit eine verkürzte Regeneration zu gewährleisten, sind schon die ersten Minuten entscheidend.

 

Optimale Erstversorgung

Sofortmaßnahmen am Unfallort:

Die am häufigsten verwendete OP-Technik ist die Rekonstruktion des Kreuzbandes mit den Hamstrings (vor allem Semitendinosus). Es gibt auch die Möglichkeit, die Quadricepssehne zu verwenden (was sich besonders bei einem wiederholten Kreuzbandriss eignet). Von der Verwendung der Patellasehne nimmt man zunehmend Abstand, da sie deutlich dünner als die Quadricepssehne ist und auch die einzige Sehne im Knie ist, die die Streckung ausführt. Bei den Hamstrings sind mehrere Muskeln für die Beugung des Knies zuständig und somit können sie den Verlust eines Teils der Sehne besser kompensieren. Neben effektiven Sofortmaßnahmen und einer schnellen ärztlichen Versorgung ist auch die physiotherapeutische Behandlung von großer Bedeutung.

 

Warum dauert die Reha nach einem Kreuzbandriss so lange?

Athleten fragen oft: „Warum dauert es bei einem Bänderriss im Sprunggelenk nur vier bis sechs Wochen, bis ich wieder auf dem Platz stehe, und bei einer Kreuzbandverletzung falle ich bis zu zwölf Monate aus?“ Nun, neben der mechanischen Stabilität, die das vordere Kreuzband dem Knie gibt, übernimmt es durch seine propriozeptive Arbeit eine wesentliche Aufgabe zum Schutz bei Bewegungen aus der eigentlichen Kniegelenksachse heraus. Propriozeption bezeichnet die Wahrnehmung von Körperbewegungen und Lage der Gelenke im Raum bzw. die Stellung der Körperteile zueinander. Das vordere Kreuzband liefert, quasi durch direkte Verschaltung, dem Gehirn die aktuelle Stellung des Knies zum Körper und sorgt damit für einen wichtigen Mechanismus zum Schutz vor Verletzungen.

Vereinfacht kann man es sich auch so vorstellen: Unser Gehirn funktioniert wie eine Art Radar und nimmt dabei alle Gelenke wahr. Es hat also zwei Handgelenke, zwei Ellenbogen, zwei Hüftgelenke, zwei Knie usw. auf dem Schirm. Ist das vordere Kreuzband auf einer Seite gerissen, dann ist auch nur noch ein Knie auf dem Radar sichtbar und das Gehirn kann das verletzte Knie nicht mehr richtig ansteuern und kontrollieren. Und bis diese Fähigkeit der Propriozeption nach einer VKB-Rekonstruktion wieder trainiert und aufgebaut ist, dauert es bei intensivem Training etwa sechs bis neun Monate. Das vordere Kreuzband steht durch seinen anatomischen Aufbau auch unter sehr starkem Zug. Bei einem Komplettriss entfernen sich die Enden darum sehr weit voneinander und „finden“ sich nicht mehr von selbst. Deshalb ist eine Operation mit der Kreuzbandrekonstruktion meist die logische Konsequenz.

 

Die Basics der Nachbehandlung

Die Ergebnisse der Operation und damit auch die Nachbehandlung sind natürlich sehr vom Operateur abhängig. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass folgendes Schema sehr erfolgreich ist:

 

Das Wichtigste bei der Nachsorge ist eine intensive Zusammenarbeit im Team zwischen Arzt, Physiotherapeut, Sportwissenschaftler und Trainer. Auch der Psychologe kann eine wichtige Rolle in der Rehabilitation übernehmen, da eine Verletzungspause ein sehr einschneidendes Erlebnis sein kann. Bei Profisportlern hängt oftmals die Karriere und damit die sportliche Existenz von ihrem Verlauf ab. Auf jeden Athleten sollte ganz individuell eingegangen werden. Er muss dort in seiner Rehabilitation abgeholt werden, wo er gerade steht. Therapie und Training müssen dementsprechend gestaltet und aufgebaut werden.

Nach der Operation beginnen wir umgehend mit der Physiotherapie. Die allgemeine Physiotherapie und Manualtherapie wird natürlich mit myofaszialen Techniken ergänzt. Wir legen in der Physiotherapie viel Wert auf abschwellende Maßnahmen und Narbenmobilisation. Die abschwellende Therapie kombinieren wir mit einer Flossingband-Behandlung (7,5 cm breit, 4 m lang). Leichte Kompression wird mit ca. 50 Prozent Zug bereits in den ersten Therapieeinheiten angelegt, während man mit der Lymphdrainage an Hals, Bauch und Leiste beginnt. Aufgrund des Zuges von nur 50 Prozent ist eine längere Wickelungsdauer von bis zu zehn Minuten kein Problem. Eventuelle Kontraindikationen des Flossings und der Lymphdrainage sind vorher natürlich abzuklären.

Zusätzlich wird im erlaubten Bewegungsausmaß bewegt. Trotz Teilbelastung können wir aber auch schon mit leichtem Training und Ansteuerung der Abduktoren (kleine Glutaeen usw.) beginnen. Die Abduktoren sind extrem wichtig für die Kniestabilität und um die Knieachse zu korrigieren bzw. zu halten. Leider werden sie oft neben dem Training der Hamstrings und des Quadriceps vernachlässigt. Die kleinen Glutaeen können unter Zuhilfenahme der Minibands ideal konzentrisch und exzentrisch trainiert werden. Diese Übungen dienen einer guten Ansteuerung der Muskulatur, die später bei jedem Schritt das Becken und somit auch die weiterlaufende Knieachse stabilisieren muss. Sollten diese Muskeln (Hüftabduktoren und Strecker) vernachlässigt werden, besteht die Gefahr, dass der Athlet in ein X-Beinmuster fällt und somit wieder in die Bewegung des Traumas trainiert bzw. bei Läufen oder Sprüngen erneut einknickt.

 

Miniband-Übungen für die ersten Wochen

Folgende Übungen können – neben anderen – schon in der ersten Woche postoperativ eingesetzt werden. Die Muskeln werden dabei sowohl konzentrisch als auch exzentrisch trainiert. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, das Bein auch wieder langsam und kontrolliert zurückzuführen und dementsprechend die Bewegung zu bremsen. Je langsamer man die Bewegung durchführt, desto höher ist die „TUT“ – die „Time under Tension“. Genau diese Bremsaufgabe haben die Muskeln beim Gehen oder Landen. Für diesen komplexen Bewegungsablauf ist eine gute intra- sowie intermuskuläre Koordination wichtig. Alle Übungen können dem Athleten auch als Hausaufgabenprogramm mitgegeben werden.

Ausführung der Übungen: Jede Übung sollte kontrolliert und langsam mit 20 Wiederholungen pro Seite durchgeführt werden. Bei der operierten Seite werden 4 Sätze durchgeführt, auf der nichtoperierten 3 Sätze.

 

Beckenheben (siehe Abbildung)

Der Athlet liegt in Rückenlage, beide Beine angestellt. Kommando ist, dass er das Becken hochheben soll. Dabei ist zu beachten, dass die Aktivierung wirklich aus den Glutaeen kommt und er nicht über die Lendenwirbelsäule arbeitet oder zu sehr über die Ischios anhebt. Eine deutliche Hüftstreckung sollte erreicht werden. Anfangs auf jeden Fall beidbeinig – je nach erlaubter Belastung dann eventuell auch einbeinig.

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Abduktion in Seitlage (siehe Abbildung)

Der Athlet liegt auf der Seite, das operierte Bein liegt oben. Die Beine liegen zu Beginn aufeinander, 45 Grad Hüftbeugung und etwa 90 Grad Beugung im Knie bzw. so weit, wie es möglich ist. Das obere Bein wird nach oben abgehoben, die Füße bleiben aber zusammen und nur die Knie entfernen sich voneinander und klappen auf.

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Abduktion und Rotation in Seitlage

Die Ausführung ist die gleiche wie bei der „Abduktion in Seitlage“, nur in diesem Fall wird noch eine zweite Bewegungskomponente integriert. Nicht nur die Knie entfernen sich voneinander, sondern auch die Füße. Nur die Fersen berühren sich noch, dabei kommt es zu einer Rotation in der Hüfte.

 

Abduktion in Bauchlage

Die Ausführung ist die gleiche wie bei der „Abduktion in Seitlage“, jedoch befindet man sich bei dieser Variante in Bauchlage. Die Ausführung wird dadurch deutlich schwieriger und das Bewegungsausmaß geringer.

 

Hüftrotation im Vierfüßlerstand (siehe Abbildung)

Der Athlet nimmt einen gut auskorrigierten Vierfüßlerstand ein. Ein Bein wird dann zur Seite angehoben. Wichtig ist dabei, dass man die Bewegung nicht aus dem Rücken ausführt, sondern die Bewegung aus der Hüfte kommt. Solange noch keine Vollbelastung erlaubt ist, sollte der Athlet wenn möglich versuchen, seinen restlichen Körper wie gewohnt zu trainieren. Dabei bitte unbedingt auf die Spannung in den Hamstrings achten, wenn die Semitendinosusssehne als Plastik verwendet wurde!

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Sobald die Vollbelastung und die volle Beweglichkeit erreicht sind, geht es mit propriozeptivem Training im Stand weiter, das dann in Zusammenarbeit mit dem Physiotherapeuten und Sportwissenschaftler weiter verfolgt wird. Während der Trainingstherapie ist die Physiotherapie zur „Pflege“ des Körpers und zur Regeneration aber weiterhin sehr wichtig und sollte weiter durchgeführt werden. Auch die endgradigen Bewegungen müssen zusätzlich mobilisiert und trainiert werden.

Im Anschluss an die manualtherapeutische Behandlung sollte die Trainingstherapie dann folgende Ziele verfolgen: eine Kräftigung der kniegelenkumgebenden Muskulatur zur Kniestabilisierung, eine Wiederherstellung bzw. Erhaltung der Kniegelenkbeweglichkeit, ein bradytrophes Training zur Verbesserung der Stoffwechselsituation der Kreuzbandplastik sowie eine Verbesserung der propriozeptiven und koordinativen Fähigkeiten. Bei der Kräftigung steht unter anderem die atrophierte Quadrizepsmuskulatur im Fokus, diese weist postoperativ nämlich deutliche Kraftdefizite auf. Des Weiteren sollte ein Augenmerk auf die ischiokrurale Muskulatur gelegt werden. Diese unterstützt das vordere Kreuzband in seiner Funktion, ein Weggleiten der Tibia (Schienbein) gegenüber dem Femur (Oberschenkelknochen) nach anterior (vorne) zu verhindern. Die Kräftigung muss vor allem zu Beginn der trainingstherapeutischen Intervention im geschlossenen System stattfinden. Kniestreckbewegungen im offenen System, beispielsweise am sitzenden Beinstrecker, sind kontraindiziert, da solche Bewegungen die „vordere Schublade“ auslösen. Außerdem gilt es, Rotations- und Scherkräfte auf das Knie zu vermeiden. Da das vordere Kreuzband bei flektiertem Knie die Innenrotation begrenzt, ist vor allem bei Innenrotationen Vorsicht geboten.

 

Weitere Übungen für die Trainingstherapie

Zusätzlich zu den bereits vorgestellten Übungen mit dem Miniband stellen die unten aufgeführten Kräftigungsübungen eine sinnvolle Auswahl in der späteren Trainingstherapie nach einer Kreuzbandplastik dar. Jede Übung erlaubt in sich eine Progression, so kann die Ausführungsschwierigkeit dem Heilungsprozess angepasst werden. Auf diese Weise kann beispielsweise der Kniebeugewinkel bei der Ausführung der Kniebeuge sukzessive gesteigert werden, instabile Untergründe können eingesetzt werden, oder es kann im späteren Verlauf auf einbeinige Übungen übergegangen werden. Vor allem der Einsatz von instabilen Untergründen (Balance Pad, Wackelbrett usw.) spielt in der Rehabilitationsphase eine entscheidende Rolle. Das Training der koordinativen Fähigkeiten muss den gleichen Stellenwert wie das Kräftigungstraining erhalten. Bedingt durch das ursprüngliche Trauma und durch den operativen Eingriff sind essenzielle Rezeptoren zur Propriozeption nicht mehr vorhanden bzw. geschädigt. Dies unterstreicht die Notwendigkeit sowohl eines koordinativen Trainings als auch das Training in Muskelketten zur Schulung der intra- und intermuskulären Koordination.

Die hier eingesetzten Trainingstools – das Miniband und der Schlingentrainer – eignen sich hervorragend, um Regressions- bzw. Progressionsstufen in Grundübungen einzubauen. So kann der Patient beispielsweise die Intensität einer Kniebeuge oder eines Ausfallschritts mit dem Schlingentrainer fein dosieren, in dem er durch Oberkörperzugkraft die Beinmuskulatur mehr oder weniger entlastet. Die Minibänder erlauben durch die unterschiedlichen Intensitätsstufen eine Progression der Übung. Durch das Anbringen des Minibands oberhalb des Knies ist auch gewährleistet, dass keine Scherkräfte auf das Kniegelenk wirken. Dennoch kann auf diese Weise die so wichtige Hüftstabilisierung erfolgen. Das Kräftigungstraining muss von einem Stoffwechsel-/Ausdauertraining begleitet werden. Hier bietet sich ab der dritten oder vierten Woche postoperativ vor allem das Ergometer, das Gehen auf dem Laufband oder leichtes Aquajogging an. Nicht zuletzt sollte sich das Kräftigungstraining nicht nur auf die unteren Extremitäten beschränken. Ziel für Patient und Therapeut/Trainer sollte die Herstellung eines guten Gangbildes über die Beinachsenstabilität sein. Nur auf diese Weise kann das Risiko einer späteren Kreuzbandruptur infolge eines Knie-Valgus-Traumas minimiert werden. Aus diesem Grund sollte die Trainingstherapie auch rumpfstabilisierende Übungen beinhalten.

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Euer Marcel Doll und Sebastian Stäbler

 

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Printausgabe des Functional Training Magazin
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