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Neuro-Athletik: Das visuelle System

Von: Lars Lienhard

04.12.2018 | Coaching, Functional Training

Augen auf beim Training! Das visuelle System nimmt in der Hierarchie des Nervensystems und der Bewegungssteuerung die führende Position ein. Am Prozess des Sehens sind bis zu 34 Hirnareale beteiligt und man geht aktuell davon aus, dass 60 bis 80 Prozent des Bewegungsentwurfs vom visuellen Input und dessen Verarbeitung abhängig sind. Dementsprechend ist also auch die Qualität der Daten, die dem Hirn durch das visuelle System zur Verfügung gestellt werden, von großer Bedeutung.

 

Sehen ist komplexer, als wir denken

Der klassische Sehtest hilft bei Athleten nur bedingt. Sie kennen dann vielleicht ihre Sehstärke und können hierdurch auf visuelle Hilfsmittel zurückgreifen, aber was nützt das beim Sport? Das Gehirn der Athleten ist viel komplexeren Dingen ausgesetzt: So müssen z. B. die Augen von Athleten für eine optimale Bewegungssteuerung komplexe visuelle Informationen über ihre Umwelt – und das auch noch innerhalb der spezifischen Bewegungssituation – optimal aufnehmen und verarbeiten können. Zuständig für die „Augen-Gehirn-Kommunikation“ sind beispielsweise folgende Prozesse:

 

Augenpositionen und -bewegungen

Ein Objekt, das von den Augen zu verarbeiten gilt, kann unbeweglich sein oder sich in allen möglichen Ebenen bewegen. Kommt es durch bestimmte Augenbewegungen oder -positionen zu abnormalen körperlichen Reaktionen, kann der Athlet entweder instabil werden oder die Körperspannung erhöhen.

Wichtige Fragen sind:

Fragen über Fragen! Und dies alles nun noch in allen erdenklichen Bewegungen, Körperpositionen, Geschwindigkeiten, Lichtverhältnissen usw. Für Trainer gilt daher, dass man sich mit der Aussage: „Die Augen sind gut, Coach, ich war letztens beim Augenarzt!“, nicht mehr zufriedengeben sollte. Coaches benötigen Möglichkeiten, diese verschiedenen visuellen Fähigkeiten zu testen und anforderungsspezifisch zu trainieren.

 

Gutes Sehen ist trainierbar

Das Ziel sämtlicher visuellen Trainingsmaßnahmen ist, dass sich individuelle und spezifische positive neuroplastische Veränderungen im Gehirn ergeben – seien es Veränderungen im Bereich der motorischen Augenkontrolle, der Geschwindigkeit der Wahrnehmungs- und Interpretationsprozesse oder einer verbesserten peripheren Wahrnehmung. Es ist entscheidend, zuerst die individuellen visuellen Probleme des Athleten und vor allem deren neuronalen Hintergründe aufzudecken und gezielt zu adressieren (individuelle Stressreduktion), bevor ich mit einem Training der allgemeinen sportspezifischen und später dann sportartspezifischen visuellen Fähigkeiten beginne.

Wobei nicht vergessen werden sollte: Eine neuroplastische Anpassung findet immer statt – entweder als gezielter Prozess durch ein individuell optimal gesteuertes Training oder als zufälliges Resultat durch eine ungesteuerte Anpassung. Die gute Nachricht ist, dass das Sehen und alle damit verbundenen Steuerungsprozesse, wie bereits gesagt, im Gehirn stattfinden und somit auch gut trainierbar sind, wenn man die neuronalen Einflussfaktoren kennt.

 

Individualität und Spezifität sind entscheidend

Um einen Athleten bestmöglich zu unterstützen, müssen Coaches um die Einflussfaktoren und Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Systemen wissen, bevor man beginnt, die visuellen Fähigkeiten des Athleten zu adressieren und zu trainieren! Ein Training visueller Fähigkeiten ist durch den starken neuronalen Stimulus nicht nur anstrengend – es kann gegebenenfalls auch kontraproduktiv sein, wenn bestehende Defizite und Ungleichgewichte nicht berücksichtigt oder sogar weiter verstärkt werden.

Für die Athleten sollte es daher so wenige Kompromisse wie möglich geben. Also auch hier: „Augen auf!“ bei der Herangehensweise an das visuelle Training mit den Athleten, denn das Gehirn passt sich immer der Qualität des Trainingsreizes an. Immer! Das zählt natürlich für jeden Bereich, aber durch die Intensität des Stimulus ganz besonders für den des visuellen Trainings.

 

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Functional Training Magazin, Ausgabe 4/2018

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