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Vergiss die Agilität – es ist die Spielschnelligkeit, die zählt

Von: Ian Jeffreys

19.04.2018 | Functional Training

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Wir befinden uns im Endspiel, die letzte Minute ist angebrochen, und unser Team liegt mit einem Tor im Rückstand. Eckstoß – die letzte Chance, um den Ausgleich zu erzielen und in die Verlängerung zu gehen. Als der Ball im Strafraum landet, täuscht der Stürmer einen Sprint zur Tormitte an, ändert aber seine Richtung abrupt und nähert sich dem kurzen Pfosten. Der Verteidiger, der auf die Finte hereinfällt, rutscht aus und gibt dem Stürmer damit genügend Raum, um zum Sprung anzusetzen und den Ball ins Tor zu köpfen. Der Torwart und der Verteidiger, der zuvor das Gleichgewicht verloren hat, sind chancenlos. Das Spiel geht in die Verlängerung. Diese Spielsituation ist ein klassisches Beispiel für sportliche Leistungsfähigkeit, die eng mit einer entscheidenden Fitnessvariablen verknüpft ist, der sogenannten „Agilität“. Agilität ist eine Fähigkeit, die die spielerische Leistung jedes Athleten signifikant verbessern kann, und doch gehört sie zu den am häufigsten missverstandenen und falsch angewendeten Aspekten im Trainingsprogramm eines jeden leistungsorientierten Sportlers. Es ist daher an der Zeit, einen neuen Blick auf das Training der Agilität zu werfen und dafür zu sorgen, dass Athleten eine Agilität entwickeln, die es ihnen möglich macht, in ihrem Sport gut abzuschneiden.

Als Athletiktrainer ist es unser Ziel, die spielerische Leistung unserer Sportler zu verbessern – dieser Aspekt muss in unserem Denkansatz stets im Vordergrund stehen. Das gilt vor allem für die Agilität, weil sie sich in der Ausübung des Sports direkt äußert – und dem Athleten die Möglichkeit gibt, die Aufgaben zu erfüllen, die ihm innerhalb eines Spiels gestellt werden. Die Anwendung der Agilität ist immer kontextspezifisch und vermischt sich mit technischen und taktischen Leistungsaspekten. Nur wenn der Kontext der Anwendung berücksichtigt wird, können die im Training durchgeführten Maßnahmen als gesteigerte Spielleistung zum Ausdruck kommen. Um diesen Transfer zu gewährleisten, sollten die Trainingsmaßnahmen zur Entwicklung der Agilität auf eine Weise ausgeführt werden, die ihren sportspezifischen Einsatz widerspiegeln. Viele Übungen, die der Verbesserung der Agilität dienen, haben leider oft wenig Ähnlichkeit mit den Bewegungen, die im Sport tatsächlich vorkommen. Im besten Fall verschwenden wir unsere Trainingszeit, im schlimmsten Fall tragen diese Bewegungen dazu bei, Muster einzuschleifen, die für die sportliche Leistungsfähigkeit unserer Athleten kontraproduktiv sind.

Wie sind wir nur in diese Situation geraten? Man könnte sagen, dass einer der wichtigsten Säulen unseres Berufs dafür verantwortlich ist: unser unerschütterliches Vertrauen in wissenschaftliche Methoden zur Bildung eines evidenzbasierten Ansatzes. Die Wissenschaft hat zweifellos viel Gutes bewirkt und maßgeblich zur Entwicklung einer methodischen Trainingspraxis beigetragen. Aber im Bereich der Agilität war ihr Einfluss weniger hilfreich und manchmal sogar hinderlich. Wie konnte das geschehen? Wissenschaftliches Vorgehen zeichnet sich in der Regel dadurch aus, dass Messungen vorgenommen werden, mit denen eine Variable quantifiziert und verglichen werden kann. Aussagekräftige, objektive Messungen sind aber nur dann möglich, wenn genaue Definitionen und Maßstäbe vorliegen. Das ist in Bereichen wie der Kraft zweifellos der Fall, bei der die Eigenschaft einfach zu definieren und dementsprechend einfach zu messen ist. Für die Agilität eignet sich dieser Ansatz jedoch nur bedingt. Es sind zwar Definitionen ausgearbeitet worden, die aber nicht immer die eigentliche, praktische Anwendung der Bewegung widerspiegeln, sondern vielmehr auf die Isolierung von Schlüsselvariablen abzielen. Infolgedessen wurden Maßstäbe entwickelt, die die Leistung vor dem Hintergrund der Definition betrachten und der Zeit, die die Ausführung einer Bewegungsaufgabe in Anspruch nimmt, eine zentrale Rolle zuweisen. Dieser Vorgang birgt ein großes Risiko: wenn die Definition falsch ist oder nicht akkurat widerspiegelt, was gerade abläuft, ist die anschließende Analyse fehlerhaft. Angesichts der Tatsache, dass Agilität durch das komplexe Zwischenspiel verschiedener Faktoren entsteht, erscheint es nahezu unmöglich, sich auf eine einfache, messbare Definition zu einigen. In Bezug auf unser Beispiel heißt das: Der Erfolg des Stürmers war nicht auf eine einzelne Fähigkeit zurückzuführen, sondern setzte sich vielmehr aus seiner Fähigkeit zusammen, die Situation zu beurteilen, die Torchance zu erkennen und die Spielsituation so zu manipulieren, dass sich die Gelegenheit zum Kopfball ergab – die wiederum erst durch die Finte möglich gemacht wurde, die den Verteidiger aus seiner Position riss und dem Stürmer den nötigen Bewegungsspielraum verschaffte.

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Der Kopfball war also keine isolierte Aktion, sondern fand vielmehr im Verhältnis zur Position der anderen Spieler und zum Ball statt. Die ganze Aktion hatte etwas mit der Verarbeitung von Sinnesreizen, Kognition, körperlichen Vorgängen und motorischer Ansteuerung zu tun, wobei der ultimative Erfolgsindikator die bewältigte Aufgabe war, also der Treffer! Kann ein Test, der die Leistung normalerweise nur im Verhältnis zu der Zeit misst, die für den erfolgreichen Abschluss der Aufgabe erforderlich ist, diese Fähigkeit wirklich widerspiegeln? Selbst wenn das Konzept der reaktiven Agilität berücksichtigt wird und hochkomplexe Tests mit videobasierten Leistungsaufgaben Anwendung finden, wird die Agilität normalerweise als einzelne Reaktion auf einen einzelnen Stimulus gemessen, und als Maßstab für die Leistung gilt der Faktor Zeit. Wie unser Beispiel zeigt, funktionieren die meisten Sportarten aber nicht auf diese Weise. Infolgedessen hat sich ein Großteil der veröffentlichten Forschung und Analyse der Agilität auf die Fähigkeit konzentriert, bei diesen Tests gut abzuschneiden, und nicht darauf, bei der Ausübung des Sports gut abzuschneiden. Viele Trainingsprogramme sind darauf ausgelegt, die Agilität in einem isolierten Umfeld zu verbessern und nicht in einem hochvariablen, sportspezifischen Kontext. Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, dass es nicht unser Ziel ist, die beste Methode zu finden, um einen Test durchzuführen – sondern vielmehr, die Leistung bei der Ausübung des Sports zu verbessern.

 

Wie stellen wir also sicher, dass wir den Kontext richtig gestalten? Das geht nur, indem wir unsere Denkweise grundlegend verändern. Wir müssen unsere Vorstellung eines abstrakten Agilitätskonzepts revidieren und uns stattdessen auf die Analyse der betreffenden Sportart konzentrieren, die den Ausgangspunkt für unsere Analyse bilden sollte. Das Verfahren des Reverse Engineering (Nachkonstruktion) stellt ein geeignetes Mittel dar, mit dem wir sicherstellen können, dass alles, was wir tun, in hohem Maße kontextspezifisch ist. Im Gegensatz zu den traditionellen definitionsgeprägten Ansätzen fangen wir also mit dem großen Ganzen – der Sportart – an, die wir daraufhin in ihre Einzelteile zerlegen. Wir untersuchen die einzelnen Phasen des Spiels und versuchen zu verstehen, was der Athlet zu erreichen versucht. Von dort ausgehend richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Aufgaben, die er dafür erfüllen muss. Diese Analyse geht auf die Bewegungsmuster ein, die der Athlet im Rahmen der Aufgaben ausführen muss und die die Bausteine des Trainingsprogramms ergeben. Im Gegensatz zum traditionellen Vorgehen stellen wir mit diesem Ansatz sicher, dass diese eingeübten Bewegungen auf eine kontextspezifische Weise ausgeführt werden, die für eine effektive Entwicklung der Agilität entscheidend ist.

Hinsichtlich der Agilität ist die Anwendung traditioneller Denkansätze also durchaus kritisch zu betrachten. Deshalb ist es für uns an der Zeit, diesen Begriff – zumindest im Hinblick auf sportspezifisches Training – ad acta zu legen und eine neue, bessere Bezeichnung wie Spielschnelligkeit zu verwenden. Wir dürfen uns nicht auf Definitionen und Tests versteifen, sondern müssen vielmehr darauf hinarbeiten, eine Eigenschaft zu entwickeln, die in direktem Zusammenhang mit dem steht, was ein Spieler in seiner Sportart leisten muss. Dieser Denkansatz verändert die Art und Weise, wie diese Fähigkeit trainiert wird, und bringt Performer hervor, die besser darauf vorbereitet sind, in ihrem Sport ihre volle Leistungsfähigkeit abzurufen.

 

Euer Ian Jeffreys

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