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Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und Mobilität lieben lernte

Von: Steve Maxwell

29.01.2016 | Mobility, Myofascial Training

Ich bin über 60 Jahre alt und behaupte daher, mehr Ahnung von körperlicher Mobilität zu haben als der durchschnittliche Trainer. Ich hatte schon mit Sport und Bewegung zu tun, als viele Leser dieses Magazin noch gar nicht auf der Welt waren. Mobilität ist ein Trainingsaspekt, der von jüngeren Semestern weitgehend ignoriert wird – bis sie langsam steif werden und das verlieren, was immer selbstverständlich war. Das war zumindest bei mir der Fall: ich befasste mich erst mit Mobilität, als ich Mitte 40 war.

Seit meinem zehnten Lebensjahr war ich als Ringer und Kampfsportler aktiv. Wie die meisten jungen Sportler trainierte ich, als gäbe es kein Morgen, und dachte nicht darüber nach, welche negativen Auswirkungen dieses Verhalten auf mich haben würde.

Ich war gezwungen, mich meiner Mobilität zu widmen, als sich starke Schmerzen bemerkbar machten. Das Jiu Jitsu und Ringen – selbst einige der brutalen Kettlebell-Workouts, denen ich mich regelmäßig unterzog – ließen sich nicht mehr aufrechterhalten. Einige meiner heißgeliebten Kettlebell-Übungen brachten mehr Schaden als Nutzen.

 

Viele, wenn nicht alle Verletzungen, die ich mir zugezogen hatte, waren vermeidbar gewesen

Sie taten höllisch weh und schränkten meine Mobilität massiv ein, vor allem direkt nach dem Aufstehen. Das war vor 20 Jahren, und damals wurde mir bewusst, dass meine sportlichen Aktivitäten den Alterungsprozess nicht aufhielten, sondern vielmehr beschleunigten. Wenn ich nicht aufhörte, mir weiter zu schaden, und eine bessere Methode fand, mich fit zu halten, würde ich früher oder später genauso krumm und bucklig sein wie meine Vorfahren vor mir. Denke an das Auftreten und den Gesundheitszustand deiner Eltern und Großeltern; wenn du dich geistig und körperlich nicht änderst, wirst du dasselbe Schicksal erleiden wie sie: du wirst ihr Leben bis in die unterste Zellebene wiederholen.

Vielleicht gehörst du aber auch zu der kleinen Schar Auserwählter, die vitale Eltern haben, und wenn das der Fall ist: Glückwunsch, du bist Otto Normalverbraucher gegenüber klar im Vorteil. Aber wenn es dir so geht wie mir, sind deine Aussichten alles andere als rosig, und das scheint auch die Norm zu sein, zumindest konnte ich auf meinen zahlreichen Reisen den Eindruck gewinnen.

 

Als ich Anfang 40 war, zog ich daher eine schonungslose Bilanz über:

Mein Tun.

Meine Beweggründe.

Das Risiko-Nutzen-Verhältnis meines Tuns.

 

Ich erinnere mich ganz genau daran, wie ich eines Morgens in Süd-Philadelphia mein Auto rückwärts aus der Garage fahren wollte. Mein Nacken und Rücken waren so steif, dass ich mich fast nicht umdrehen und aus dem Heckfenster sehen konnte, als ich auf die Straße setzte. In diesem Augenblick beschloss ich, meine Bewegungsmuster und Mobilität wieder auf das Niveau zu bringen, das ich als Jugendlicher hatte.

Mobilität war damals in der Kraft- und Konditionsszene ein eher vernachlässigtes Thema. In den 1990er Jahren redete kaum jemand darüber. Power Yoga lag damals voll im Trend, und auch ich probierte es aus, das heißt ich hörte sehr schnell wieder damit auf – ich hatte mir eine weitere Verletzung zugezogen, weil ich mich in Positionen zwang, für die ich noch gar nicht bereit war. Ich ging mit einer Verbissenheit in die Yoga-Stunde, als würde ich in den Ring steigen. Damals lernte ich, warum man nicht jede körperliche Aktivität als Wettbewerb sehen sollte.

Ich recherchierte ein wenig und fand vor allem die Arbeit von Nikolai Amossow interessant, der neuen Ansichten gegenüber stets aufgeschlossen war und sein Programm der „Tausend Bewegungen“ entwickelt hatte. Über Amossow stieß ich auf die Erkenntnisse der russischen Systeme und zog daraus Rückschlüsse auf die Mobilität und ihre Rolle in den Kampfkünsten, vor allem im Hinblick auf die Verletzungsprävention.

Als Vorreiter des Gracie-Jiu-Jitsu in den USA hatte ich die erste Schule dieser Stilrichtung an der Ostküste eröffnet. Sie wurde zu einem Hotspot für Weltklassekämpfer, die von überall her zu uns kamen, und ich hatte das große Glück, vielen osteuropäischen und russischen Kämpfern zu begegnen, die mir wertvolle Dinge beibrachten. Das, was ich lernte, faszinierte mich, und ich suchte nach weiteren Quellen. So begann meine Reise.

 

Im Laufe der Zeit nahm das Thema Mobilität in der Fitnesswelt Fahrt auf

Ich belegte sogar einige Kurse und erwarb entsprechende Zertifikate, aber nachdem die anfängliche Euphorie nachgelassen hatte, erkannte ich, dass die modernen westlichen Programme ihre Schwächen und für den Alltag wenig Nutzen hatten.

Jetzt soll ich auf einer Tagung einen Vortrag über Mobilität halten und wie wünschenswert es gewesen wäre, wenn mir diese Informationen schon vor 20 Jahren vorgelegen hätten. Allerdings hatte ich dadurch eine Menge Zeit, um herauszufinden, was gut und was schlecht ist. In meinen Systemen habe ich alles auf ein Minimum reduziert. Ich habe festgestellt, dass viel der grundlegendsten Mobilitätsübungen zugleich Kraftübungen sind und deshalb einen doppelten Nutzen haben.

So kam ich auf den Begriff „Mobility Conditioning“, da die Mobilitätsübungen an sich, innerhalb bestimmter Parameter, ein vollständiges Workout bilden können, die in manchen Fällen sogar ein Krafttraining ersetzen. Diese Bewegungen schützen außerdem vor Verletzungen und verringern jede bereits vorhandene Sportverletzung.

Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass früher oder später jeder an diesen Punkt kommt, sofern er auch in höherem Alter noch trainieren und aktiv bleiben will.

Ich fange bei der Atmung an. Beim Atmen nimmt man den Kontakt der Füße zum Boden wie auch die Fußgelenke und Knie wahr. Wenn die unteren Gliedmaßen funktionell und gesund sind, fängt der Körper ganz von selbst an, sich korrekt auszurichten.

Ich habe festgestellt, dass die meisten Menschen nicht richtig atmen können, das heißt sie wissen nicht, wie das geht. Eine flache Brustatmung führt zu Stress, den der Organismus als Reaktion auf eine Bedrohung deutet. Diese Gewohnheit erzeugt Muskelspannung und schränkt die Bewegung auf allen Ebenen ein. Dadurch wird die Mobilität eingeschränkt, die nur durch bessere Atemmuster wiederhergestellt werden kann. Um seine verlorene Mobilität wiederherzustellen, sollte man sich also zuerst eine gesunde Atmung aneignen, die die Spannung im Körper reduziert.

In fast jeder Art von Workout – ob mit dem eigenen Körpergewicht, Kettlebells oder Hanteln –, aber auch im Ball-, Kampf- oder Laufsport sehe ich Leute, die sich durch eine schlechte Atemtechnik mehr schaden als nutzen. Viele davon sind Trainer, die leider auch nicht davor gefeit sind.

 

Nach der Atem- und Fußarbeit ist die Wirbelsäulenmobilität die nächste Priorität

Ich habe einmal gehört, dass man nur so alt ist wie sich seine Wirbelsäule anfühlt, das heißt sobald die Wirbelsäule unbeweglich wird, ist das Leben als soziales, sinnlich wahrnehmendes Wesen gelaufen. Du kannst dann genauso gut ein Loch graben und dich darin verkriechen. Zur Wirbelsäule gehören natürlich auch der Hals und Nacken. In meinen Seminaren über „Mobility Conditioning“ wird kein Bereich der Wirbelsäule weggelassen.

Mein System entstand aus der persönlichen Notwendigkeit heraus, schmerzfrei zu sein, und daraus entwickelte sich ein gutes Trainingssystem zur Verbesserung meiner Kondition, das meine Kampfsportkarriere enorm verlängert hat. Später half es mir dann dabei, den Alterungsprozess zu verlangsamen; und generell kann man damit die Fähigkeit verbessern, jede Aktivität auszuführen.

Bevor ich irgendjemandem etwas abkaufe, halte ich mich an die alte Regel: Frage den, der Erfahrung damit hat. Als ich mich zuerst mit dem Thema Mobilität befasste, konsultierte ich nicht die 20- oder 30-Jährigen, sondern die 80-Jährigen. Jugend wird wirklich an die Jugend verschwendet, weil es ausgeschlossen ist, dass eine junge Person dieses weite Feld und seine Konsequenzen verstehen kann. Ich schätze, dass 70 Prozent der Programme, die landläufig angeboten werden, spätestens dann uninteressant werden, wenn man das 50. Lebensjahr überschritten hat, man also ein halbes Jahrhundert alt ist. Wie immer ist das meiste, das beworben wird, albern oder schlimmer noch: gefährlich.

Wer also Saltos und andere gewagte Kunststücke macht, dem sei gesagt: Du wirst deine Aktivitäten nicht bis ins hohe Alter aufrechterhalten können, aber die meisten erkennen das nicht und glauben den vermeintlichen Experten mit ihren Heilsversprechen. Wie immer gilt: finde jemanden, dem du vertrauen kannst und der ein lebendes Beispiel für sein System ist. Halte dich konsequent an seine Anweisungen, und du wirst davon profitieren.

Euer Steve Maxwell

Erlebt Steve Maxwell live auf dem Mobility & Faszien Summit vom 04. – 06. März in Köln

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