Instagram Facebook

Mit dem Sprunggelenk umgeknickt – und jetzt?

Von: Dr. Markus Klingenberg

20.02.2015 | Rehabilitation

Frage:

Hallo, ich bin im Training umgeknickt und habe gestern die Diagnose erhalten, die Außenbänder seien gezerrt und die Syndesmose wahrscheinlich gerissen. Ich soll nun meinen Fuß kühlen damit die Schwellung nachlässt und habe erst einmal eine Bandage erhalten. Einen MRT Termin habe ich erst in ein paar Wochen. Kann es in der Zwischenzeit zu Komplikationen kommen.

Antwort Dr. Markus Klingenberg:

Das Umknicktrauma im Sprunggelenk ist mit einem Anteil von 15-20% die häufigste Sportverletzung überhaupt und gehört auch im Alltag und in der Freizeit zu den häufigsten Verletzungen. Jährlich ereignen sich in Deutschland ca. 1 Million Knöchelverletzungen. 85% dieser Verletzungen sind Außenbandrisse. Etwa 1/3 aller Verletzten erleidet innerhalb von drei Jahren ein Rezidiv. Bezogen auf die Gruppe der Sportler sind das 3/4 aller Patienten im Zeitraum von drei Jahren. Da insgesamt 50% der Patienten nach 6 Monaten noch über Schmerzen im zuvor verletzten Bereich klagen macht es Sinn, ein differenziertes Behandlungsschema zu verwenden.

An erster Stelle erfolgt natürlich die genaue Diagnose. Das verletzte Sprunggelenk kann unmittelbar nach der Verletzung noch gut untersucht werden, bevor es zu stark anschwillt. Dann ist eine aussagekräftige manuelle Untersuchung erst wieder nach ein paar Tagen möglich. Mit einem Röntgenbild sollte auf jeden Fall eine Fraktur ausgeschlossen werden. Ein MRT muss unbedingt zeitnah bei Verdacht auf eine Verletzung des Syndesmose durchgeführt werden, da ein Riss dieser bandhafte Verbindung zwischen Schien- und Wadenbein operativ stabilisiert werden muss. Seit den 70er Jahren war es Standard, eine Bandruptur am Sprunggelenk direkt operativ zu versorgen. Zuvor wurden zur Sicherung der Diagnose häufig für den Patienten sehr schmerzhafte gehaltene Röntgenaufnahmen angefertigt. In den 80er Jahren erfolgte ein Sinneswandel und Bandverletzungen im Sprunggelenk wurden in den meisten Fällen konservativ mit einer Orthese versorgt. Heute sollte die Therapie auf Grund der verfügbaren Studienlage und gleichzeitig einer besseren Bildgebung differenzierter erfolgen.

Bei erstmaligen akuten Verletzungen nur eines Bandanteils kann weiterhin eine konservative Therapie empfohlen werden. Ausnahmen sind Fälle bei denen eine Begleitverletzungen einen operativen Eingriff notwendig macht. Hierzu gehören größere Knorpelschäden und die Verletzung der Syndesmose. Die Syndesmose ist als Verbindung zwischen Schien- und Wadenbein mit der Gabel beim Fahrrad vergleichbar. Mit einer instabilen Fahrradgabel fährt man auch nicht mehr weiter.

Sind mehrere Bandanteile oder Innen- und Außenband betroffen, so steigt das Risiko deutlich an, dass sich eine chronische Instabilität entwickeln wird. Diese wird in der Literatur mit einer Wahrscheinlichkeit von 20-40% angegeben. Typische Symptome der chronischen Instabilität sind persistierend Schleimhautreizungen, Sehnenentzündungen, Gelenksteife bei Narbenbildung oder umgekehrt ein Instabilitätsgefühl, relative Schwäche im Seitenvergleich und Schwellungen im Gelenkbereich.

Mit dem Sprunggelenk umgeknickt - Und jetzt

Mit dem Sprunggelenk umgeknickt – Und jetzt

Eine konservative Therapie erfolgt immer mit einer stabilisierenden Orthese. Hier gab es in der letzten Zeit einige positive Fortschritte durch die Entwicklung „abrüstbarer“ Orthesen. In drei Schritten kann die Stabilität der Bandagen Schritt für Schritt reduziert werden, um die äußere Stabilisierung der zunehmenden Stabilität des Gelenks anzupassen. Eine konservative Therapie bedeutet auch, dass Arzt und Sportler über funktionelle Bewegungsanalysen Schwachstelle des Bewegungsapparats und gestörte Bewegungsmuster diagnostizieren und im Rahmen einer gezielten Krankengymnastik ausgleichen. Bei einer chronischen Instabilität im oberen Sprunggelenk sollte rechtzeitig an eine operative Stabilisierung gedacht werden, um Langzeitschäden am Knorpel zu vermeiden. Mit entscheidend sind natürlich der Wunsch und der Anspruch des Patienten. Es existieren verschiedene Verfahren zur Stabilisierung der Innen- und Außenbänder. Hilfreich und sinnvoll ist es vorab eine Arthroskopie des Gelenks durchzuführen um mögliche Schäden innerhalb des Gelenks zeitgleich mitversorgen zu können. Zeitgleich kann man im Rahmen der Arthroskopie auch schmerzhafte Narben im Gelenk entfernen, die der Körper oftmals bei chronisch instabilen Gelenken bildet. Die Bandrekonstruktion wird anschließend minimalinvasiv über einen kleinen Schnitt von 2-3 cm über dem Knöchel durchgeführt. Verwendet man bioresorbierbaren Fadenanker, die in den Knochen eingebracht werden, so vermeidet man eine weitere Sehne am Kniegelenk entnehmen zu müssen und hat eine bessere Möglichkeit, die gerissenen Bandstrukturen wieder anatomisch zu rekonstruieren. Die Nachbehandlung dauert in der Regel 6 Wochen. Drei Wochen entlastet der Sportler das Bein zum Teil an zwei Unterarmgehstützen, bevor das Sprunggelenk ab der vierten Woche in einem Spezialschule weitere drei Wochen voll belastet werden kann.

Egal ob ein Bandverletzung des Sprunggelenks konservativ oder operativ versorgt wird, eine gezielte funktionelle Kräftigung der gesamten Beinachse ist bei beiden Behandlungsformen notwendig, um die normalen Bewegungsmuster wieder zu erlernen und muskuläre Dysbalancen auszugleichen. Extrem hilfreich sind für Arzt, Physiotherapeut und Trainer standardisierte Bewegungs Analysen wie zum Beispiel der Functional Movement Screen (FMS) und der Y-Balance Test. Erst wenn das zuvor verletzte Bein bei return-to-play Untersuchungen in der Ergebnissen mindestens 90% der gesunden Gegenseite erzielt, sollte der Sportler wieder in seine ursprüngliche Sportart einsteigen. Ergänzend sollte ein sportartspezifischen Techniktraining erfolgen, um auch von dieser Seite weiteren Verletzungen des Sprunggelenks vorzubeugen.

 

Euer Dr. Markus Klingenberg

 

 

Literatur

  1. Ziai P et al. The role of the medial ligaments in lateral stabilization of the ankle joint: an in vitro study. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2013 oct 10.
  2. Buchhorn T et al. Combined medial and lateral anatomic ligament reconstruction for chronic rotational instability of the ankle. Foot Ankle Int. 2011 dec, 32(12): 1122-6.
  3. Lynch SA, Renström PA. Treatment of acute lateral ankle ligament rupture in the athlete. Conservative versus surgical treatment. Sports Med. 1999 jan, 27(1): 67-71.

Polzer H et al. Diagnosis and treatment of acute injuries: development of an evidence-based algorithm. Orthop Rev. 2012 jan 2, 4(1):e5.

Kommentare

27.02.2015 09:55 | Dieter Brück-Neufeld

der Artikel ist sehr interessant und hilfreich für die Betreuung der Sportler.

Deine Meinung