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Woher kommen Knieschmerzen?

Von: Jennifer Lewis

04.03.2014 | Rehabilitation

Knieschmerzen zählen zu den am häufigsten auftretenden Beschwerden des Bewegungsapparates. Sie treten meist vorn auf und haben viele Namen: Patello-Femoral-Syndrom, Chondropatia patellae, Patellaspitzensyndrom, Patella tendinitis, Pre-Patellar-Schleimbeutelentzündung, Läuferknie.

Traditionelle Rehabilitationstechniken lösen die Ursache nicht

Traditionelle Rehabilitationstechniken konzentrieren sich auf den Ort der Verletzung, nämlich das Knie. Sie umfassen Therapien, wie Querfriktionsmassage, Elektrostimulation, Ultraschall und isolierte Kräftigung des Quadrizeps. Ruhe, Kühlung und die Gabe von entzündungshemmenden Mitteln sorgen kurzfristig für Linderung der Symptome. Doch die Ursache des Problems lösen sie nicht.

Woher kommen Knieschmerzen?

Woher kommen Knieschmerzen?

Knieschmmerzen durch Dysfunktionen

Der mangelnde therapeutische Erfolg bei Knieproblemen führte schließlich dazu, nach biomechanischen Zusammenhängen zu suchen, die mit chronischen Knieschmerzen in Verbindung stehen könnten. So nimmt man heute an, dass Ausrichtung und Mechanik von Hüftgelenk und Femur die Hauptursache für Dysfunktionen sein können.

Um den Zusammenhang zwischen Femurausrichtung und Knie zu verstehen, muss man als Erstes die Muskelstränge betrachten, die die Femur kontrollieren. Es handelt sich um die Gesäßmuskulatur, bestehend aus Gluteus maximus, Gluteus medius und Gluteus minimus. Obwohl alle drei Muskelstränge eine gewisse Kontrollfunktion der Femur haben, insbesondere wenn es um Innen- und Außenrotation beziehungsweise Abduktion geht, ist der hintere Teil des Gluteus medius direkt für Extension, Außenrotation und Abduktion des Oberschenkelknochens vom Becken aus verantwortlich.

Synergetische Dominanz

Das Problem ist nun, dass der Gluteus – und hier insbesondere der Gluteus maximus und der hintere Gluteus medius – bei vielen Sportlern aufgrund ungünstiger Bewegungsabläufe gehemmt respektive neural abgeschaltet ist. Dieses Phänomen nennt man „synergistische Dominanz“: Wenn zwei Muskelgruppen ähnliche Aufgabenbereiche haben, dann übernimmt eine der beiden Muskelgruppen vorzugsweise den Job, während die andere im Laufe der Zeit immer schwächer wird. Bei Hüftstreckung ist es die ischiocrurale Muskulatur, die das Zepter übernimmt und als „Prime Mover“ agiert. Eigentlich sollte sie wegen ihres ungünstigen Ansatzpunktes am Knochen eher die zweite Geige spielen. Der Gluteusmuskel wird mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, er schwächt sich ab und wird irgendwann inaktiv.

Ob bei einem Sportler ein ungünstiges Bewegungsmuster vorliegt, lässt sich herausfinden, indem man ihn eine Hüftstreckung in Bauchlage machen lässt und dabei auf das Timing der Aktivierung von Gluteus und hinterer Oberschenkelmuskulatur achtet. Wird die ischiocrurale Muskulatur nämlich zuerst aktiviert, dann wird diese Muskelgruppe überanstrengt und gleichzeitig die Gesäßmuskulatur unzureichend gefordert. Wenn man sich beispielsweise bei Läufern umschaut – bei denen es repetitiv zu Hüftstreckung und exzentrischem Abbremsen der Hüftbeugung kommt – stellt man schnell fest, dass viele von ihnen über ständige Verspannung und Überlastung der hinteren Oberschenkelmuskulatur klagen.

Ein weiterer Fall synergistischer Dominanz tritt bei der Hüftabduktion auf. Die Hüftabduktion beziehungsweise das exzentrische Kontrollieren der Hüfte in Adduktion kontrollieren der Gluteus und die Tensor Fascia Latae (TFL) über das Iliotobialband (ITB). Eine Überdominanz von TFL und ITB kann zu einer Beeinträchtigung oder mangelnden Aktivität des Gluteus führen. Ein inaktiver Gesäßmuskel ist auch der Hauptgrund für ein verhärtetes ITB, das dann wiederum, aufgrund seiner Verbindung mit der TFL, für Knieschmerzen sorgt. Ein übermäßig starker Zug auf TFL und ITB führt zu Außenrotation der Tibia, was wiederum extreme Rotationsbelastungen auf das Knie bewirkt.

Zu einseitiges Training kann zu Knieschmerzen führen

Der Hauptgrund, warum die Gesäßmuskulatur besser geeignet ist, die Hüfte zu kontrollieren und zu bewegen, als die hintere Oberschenkelmuskulatur beziehungsweise die TFL, ist, dass der Gluteus nur durch ein Gelenk geht, während die ischiocrurale Muskulatur und die TFL zwei Gelenke kreuzen. Um Bewegungen kontrolliert und präzise auszuführen, sollten Muskeln zum Einsatz kommen, die so nahe wie möglich am proximalen Ende des Knochens ansetzen. Hier ist der Gluteus in deutlich besserer Position, um die Bewegung der Femur zu kontrollieren. Ischiocrurale Muskulatur und TFL sind lange Muskeln, die zudem distal am Knochen ansetzen und demnach keine präzise Kontrolle ausüben können.

Wie aber kann der Gluteus seine Dominanz verlieren, wenn es seine Hauptaufgabe ist, von der Hüfte aus die Femur zu kontrollieren? Das hat viel damit zu tun, wie der Sportler trainiert. Sportler trainieren im Kraftraum für den Unterkörper hauptsächlich vordere und hintere Oberschenkelmuskulatur und die Wade. Wenn sie wirklich einmal Übungen speziell für die Gesäßmuskulatur absolvieren, wie Kniebeugen, dann führen sie diese mit einer Biomechanik aus, die den Gluteus in eine ungünstige Ausgangsposition versetzt. Sportler, die unter chronischen Kniebeschwerden leiden, zeigen dabei immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe.

Wenn Bewegungsabläufe so aussehen, dass die hintere Oberschenkelmuskulatur die Aufgaben des Gluteus als Prime Mover übernimmt, dann kommt es zu Überlastungserscheinungen.

Beispiel: Kniebeuge. Ist die Gesäßmuskulatur in ihrer Funktion beeinträchtigt, kommt es zu einem unausgeglichenen Hüft- und Knierhythmus: Es liegt eine übermäßige Beugung und Streckung aus dem Kniegelenk heraus vor. Gleichzeitig ist der Bewegungsumfang aus der Hüfte heraus limitiert. Der Sportler schiebt die Knie weit nach vorn, über die Fuβspitzen hinaus. Das setzt den Quadrizeps und die Patellasehne extrem hohen Kräften aus. Es kommt ferner zu Adduktion und Innenrotation des Oberschenkelknochens, was den Gluteusmuskel noch weiter längt. Das wiederum schränkt die Hüftmobilität mehr und mehr ein. Folge: Der Gluteus wird deaktiviert.

Gesäßmuskeltraining zur Prävention von Knieschmerzen

Wenn die Gesäßmuskulatur nicht ihrer Funktion als Prime Mover der Hüfte nachkommt, kollabiert mechanisch gesehen die Femur: Adduktion und Innenrotation überlasten die überdominanten Muskeln, wie die TFL, und verlängern die Gesäßmuskulatur. Ein Muskel, der extrem verkürzt oder verlängert ist, kann aber nicht optimal wirken. In diesem Fall ist es der hintere Teil des Gluteus medius und der Gluteus maximus, die den Oberschenkelknochen aufgrund ihrer Verlängerung nicht mehr effektiv kontrollieren können.

Ungünstige Biomechanik führt also zu einem Teufelskreis, an dessen Ende der Gesäßmuskel völlig verkümmert: Wenn Bewegungsabläufe so aussehen, dass die hintere Oberschenkelmuskulatur die Aufgaben des Gluteus als Prime Mover übernimmt, dann kommt es zu Überlastungserscheinungen. Die hintere Oberschenkelmuskulatur hat nämlich einen ungünstigen Ansatzpunkt, was zu Innenrotation und Adduktion des Oberschenkels und in der Folge zu einer weiteren Verlängerung des hinteren Teils des Gluteus medius führt. Aus verlängerter Grundposition kann der Gluteus medius nun noch weniger seiner Aufgabe, der Kontrolle der Femur, nachkommen. Dadurch wirkt noch mehr Drehkraft auf das Knie. Die einwirkenden Kräfte auf das Kniegelenk können nicht disseminiert werden, sondern führen zu extremer Belastung des Weichgewebes, insbesondere der Patellasehne.

Der Ort der Verletzung ist eben nicht immer gleichzusetzen mit dem Ursprung der Probleme. Wer chronischen Knieschmerzen auf den Grund gehen möchte, muss sich die biomechanischen Zusammenhänge anschauen und Bewegungsabläufe neu erlernen. Er muss Muskeln einsetzen, die biomechanisch für die jeweilige Aufgabe als Prime Mover vorgesehen sind.

Eure Jennifer Lewis

Kommentare

06.04.2014 10:13 | Gregor Mau

Einer der wenigen Artikel hier die mal wirklich Inhalt haben. Bitte mehr auf diesem Niveau. Und weniger oder besser gar keine Artikel, die nur zur Werbung dienen. Danke Jennifer

25.03.2014 14:03 | Stefan Witascheck

Danke für diesen informativen Artikel. Was jetzt aber wirklich hilfreich wäre: Übungen zeigen bzw. beschreiben, die in dieser Situation die Reaktivierung der involvierten Gluteus-Muskulatur fördern. Oder reduziert sich das wirklich auf die korrekte Ausführung der Kniebeuge? (Knie nicht vorschieben usw.)

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