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Das Tensegrity-Modell

Von: Thomas Myers

08.02.2016 | Mobility, Myofascial Training

Die Beschäftigung mit Zug, Druck, Biegespannung und Rissen ist das tägliche Brot der Ingenieure. Seit Descartes wird unser Körper immer wieder als »weiche Maschine« beschrieben, mit den Knochen als Trägern, den Muskeln als Kabeln, der gesamten Konstruktion als so etwas wie einem Kran, wie ein System von Flaschenzügen und Hebeln, das durch Newtons Bewegungsgesetze und, auf tieferer Ebene, durch Thermodynamik erklärbar ist. Diesem mechanischen Ansatz in der Kinesiologie verdanken wir wertvolle Einsichten in die Biomechanik der Bewegung. Doch kann er andererseits nicht einmal so einfache Bewegungsabläufe wie das Gehen zufriedenstellend erklären, geschweige denn die Prozesse ganzheitlicher Kompensationen von Schädigungen, um die es in diesem Buch geht.

Das Aufkommen der Chaostheorie, von nichtlinearen Gleichungen und tiefere Einblicke in die Komplexität lebender Systeme führten zu einem neuen Verständnis der Stabilitäts-/Mobilitäts- Dynamik des menschlichen Körpers. Anstatt unseren Körper mit einem Haus oder einer Brücke zu vergleichen, sehen wir ihn inzwischen als ein Beispiel für »Tensegrity« (ein aus den englischen Wörtern tension, »Spannung«, und integrity, »Einheit« oder »Zusammenhalt«, zusammengesetzter Begriff), bei dem der Zusammenhalt einer Konstruktion auf dem Gleichgewicht der Spannungskräfte beruht, anstatt auf der Kontinuität der Kompressionskräfte.

Die von dem Künstler Kenneth Snelson erdachten und dem Architekten Richard Buckminster Fuller konstruierten Stabwerke bieten uns ein neues Bild des menschlichen Körpers: Anstatt das Skelett als einen stabilen Rahmen zu begreifen, an dem die Muskeln aufgehängt sind, stellen sie den Körper als ein unter Spannung stehendes, dreidimensionales Netzwerk dar, in dem die Knochenstreben scheinbar frei »schweben« (Abb. 1.).

 

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Abb. 1.: Ein neues Verständis des menschlichen Körperbaus: Das Tensegrity-Modell, in dem die Knochen in einem Meer weichen Gewebes »schweben« (Modell und Foto von Tom Flemons, www.intensiondesigns.com). Die Konstruktion verhält sich in einigen Hinsichten wie ein menschlicher Körper

 

Versuche, das Tensegrity-Modell mit Worten zu beschreiben, scheitern meistens. Illustrationen sind hilfreich, doch ein Modell selbst zu bauen oder damit zu spielen, vermittelt am ehesten einen Eindruck, wie diese Konstruktion funktioniert (Abb. 2.). Die Tensegrity-Konstruktionen sin resilienter als die Kräne oder andere Maschinen, mit denen man den menschlichen Körper häufig vergleicht, und sie besitzen einige einzigartige Eigenschaften, dank derer sie sich als Modelle für die Funktionsweise unseres Körpers eignen:

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Abb. 2: Die Wirbelsäule als Tensegrity-Modell. Natürlich übertrifft die Wirbelsäule derartige Modelle um ein Vielfaches an Komplexität. Dennoch können sie einige Aspekte unserer Bewegungen und unseres Verhaltens sowohl in Funktion als auch in Dysfunktion nachahmen.

 

1. Innerer Zusammenhalt

Ein Haus oder ein Kran würde, auf den Kopf gestellt, nicht mehr so gut funktionieren. Der Körper eines Tiers oder der des Menschen bewahrt jedoch seinen inneren Zusammenhalt auch indem Fall, wenn er sich von einem Ast hängen lässt, wenn er einen Kopfstand oder einen schwungvollen Luftsprung macht. Aufgrund eines inneren Gleichgewichts von Spannung und Kompression behalten die Konstruktionen, die dem Tensegrity- Modell entsprechen, ihre Form, egal, wie sie ausgerichtet sind.

 

2. Zugverteilung

Weil die elastischen Bänder in einer Tensegrity-Konstruktion durchgehend sind und die komprimierten Teile (»Knochen«) isoliert schweben, erzeugt jegliche durch Druck auf einen Knochen oder Zug an einem einzelnen Band verursachte Deformation eine Spannung, die sich gleichmäßig auf die gesamte Konstruktion verteilt. Diese wiederum löst nicht eine große Deformation an einer Stelle aus, sondern viele kleine, über die gesamte Konstruktion verteilte Deformationen.

Dieses Phänomen wurde in biologischen Experimenten veranschaulicht (Huijing 2009) und wird nach Ansicht der Autoren dieses Buchs in der aktuellen Fachliteratur zu wenig berücksichtigt. Tatsächlich führt eine Verletzung an einem Körperteil bald zu einer Reihe von über den ganzen Körper verteilten Phänomenen und macht ein ganzheitliches Behandlungskonzept erforderlich. Ein Schleudertrauma ist einige Tage lang ein Problem für den Hals, wird dann für Wochen ein Problem der Wirbelsäule und betrifft anschließend den ganzen Körper. Nach diesem zeitlichen Abstand nur den Hals zu behandeln, ist ein leider nur allzu verbreiteter Fehler.

 

3. Expansion oder Kontraktion auf allen Achsen

Drückt man einen aufgeblasenen Luftballon in der Mitte zusammen, wird er länger. Zieht man an einem Seil, wird es in dem Maße schmäler, in dem der Zug an seinen Enden zunimmt. Aufgrund ihrer distributiven Eigenschaften verhalten sich Tensegrity-Konstruktionen unterschiedlich – dasselbe gilt für menschliche Körper. Dehnt man eine Tensegrity-Konstruktion in einer Dimension, dehnt sie sich u. U. in alle Richtungen aus. Komprimiert man sie, so komprimiert sie sich nicht nur entlang der Drucklinie, sondern in allen Dimensionen und wird dabei immer dichter und resilienter.

Dieses Phänomen lässt sich auch an Körpern beobachten. Ein lokal schwer verletzter Körper kann sich auf all seinen Achsen zusammen- und zurückziehen, nicht nur in der von der Verletzung betroffenen Achse. Wenn wir andererseits den Körper in eine Richtung öffnen, scheint er sich in alle Dimensionen auszudehnen. Die Sicht des Körpers als Tensegrity-Struktur ermöglicht kohärente ganzheitliche Strategien, welche die Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit lokaler Behandlungen verstärken.

Obgleich die Faszien aufgrund der hier aufgezählten Eigenschaften – ihrer Formbarkeit, ihrer Resilienz, ihres holistischen Charakters und ihrer Kommunikationsfähigkeit – sehr wichtig sind, stehen sie in unserem Körper natürlich nicht alleine da. Von großer Bedeutung für unseren »Faserkörper« sind noch zwei weitere Systeme: der Kreislauf und das Nervensystem. Sie sind wesentlich besser erforscht als das Fasziensystem, und wir kennen ihre nährende bzw. Signale übermittelnde Beziehung zu den Muskeln. Deshalb konzentrierten sich die meisten Therapien für den Bewegungsapparat lange Zeit darauf, den freien Fluss von Flüssigkeiten zu und von den Muskelzellen sowie die Koordination von Bewegungen durch unbehinderte Nerven zu fördern (Abb. 3).

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Abb. 3: Diese drei Ganzkörper-Netzwerke (um 1548) stammen von Vesalius. Jedes der Netze auf seinen wunderbaren Stichen zeigt uns die Form des Körpers. Das Fasziennetz ist das ungenaueste. In den 450 Jahren seit der Entstehung der Stiche blieb das Wissen um die Faszien lückenhaft.

 

Natürlich sind diese gut dokumentierten Auswirkungen auf das neuro-myofasziale Netz außerordentlich wichtig und in der Praxis untrennbarmiteinander
verbunden. Dennoch gründet unsere These auf den Eigenschaften der Faszienkomponente dieses Netzes, die zwischen Stabilität und Mobilität vermittelt.

Verglichen mit diesen anderen Netzwerken erfolgt die Kommunikation im Fasziennetzwerk schneller – mit 1 160 km/h, während es beim Nervensystem nur 240 km/h sind – und die Reaktion langsamer. Umbaureaktionen der Faszien messen sich in Tagen und Wochen, anstatt in Sekunden oder Minuten. Von außen ausgelöste Veränderungen setzt das Fasziensystem nur langsam um, Änderungen behält es dauerhaft bei. Das macht das Fasziensystem zu einem Speicher für chronische Angelegenheiten. Natürlich kann das Bindegewebe auch akute Traumen erleiden, doch die Auswirkungen dieser Traumen verteilen sich über das Bindegewebenetz und bleiben noch lange nach Heilung der ursprünglichen Verletzung bestehen.

Entzündungsreaktionen, die ein beschädigtes Gewebe sowohl anschwellen lassen als auch mit heilenden Proteinen versorgen, können allerdings auch zu verstärkter Fibrose führen, zur Abnahme von Beweglichkeit zwischen Schichten und zu Verklebungen interstitieller Elemente, die den freien Fluss von Blut oder Lymphe behindern. Durch unangemessene Kürze der Faszien bedingte chronische Spannung oder Schlaffheit kann neuromuskuläre Trigger Points entstehenlassen. Umgekehrt kann durch Angst oder Fehlhaltung bedingte chronische Anspannung eine Verdickung der Faszien hervorrufen.

Zusammenfassend stellen wir fest, dass es trotz der Existenz zahlreicher wertvoller Therapien für das neuro-myofasziale Netz durchaus Sinn macht, sowohl bei kurz- als auch bei längerfristigen Behandlungen zur Verbesserung der Körperhaltung die Faszienkomponente zu berücksichtigen
(Abb. 4).

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Abb. 4: Eine moderne Darstellung des Fasziennetzes, von Jeff Linn mithilfe des Visible Human Data Project angefertigt. Wir erkennen darauf das Fasziennetz des Oberschenkels und können uns vorstellen, wie das gesamte Fasziennetz des Körpers einschließlich Hirnhaut, das die Organe umgebende Gewebe, Epimysia und intermuskuläre Septa, tiefe Faszienschicht, oberflächliches Areolargewebe und oberste Hautschichten aussehen.

 

Euer Thomas Myers

 

 

 

 

 

 

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