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Wie wirkt Flossing auf Faszien, Gelenke und Muskulatur?

Von: Andreas Ahlhorn und Dennis Krämer

25.07.2016 | Functional Training, Myofascial Training

Mehr zum Thema Flossing lernst du hier!

 

Wirkung von Flossing-Anlagen auf die Faszien

Faszien durchziehen den menschlichen Körper – vom Kopf bis zu den Zehen. Muskeln, Knochen, Nerven, Blutgefäße, Organe sowie Gehirn und Rückenmark werden nicht nur von dieser »Haut«, dem Bindegewebe, umschlossen, sondern sind sogar untereinander verwebt – vergleichbar mit einem dreidimensionalen Spinnennetz. Ohne dieses Fasziennetz würden die Organe im Körperinneren herumfliegen, die Muskeln auslaufen, die Knochen herumbaumeln.

Ähnlich wie die Muskeln lassen sich Faszien über einen richtig gesetzten und gut getimten Reiz stärken, aber auch durch fehlende Bewegung oder Überforderung schwächen. Die Folge: Sie verhärten beziehungsweise verkümmern. Verletzungen, Narbenbildung, Entzündungen oder Crosslinks verändern die Strukturen und vermindern die Elastizität der Faszien. Ein nur noch wenig elastisches Fasziengewebe regeneriert verzögert, da es nicht mehr so gut mit Nährstoffen und Flüssigkeit versorgt wird.

Da Faszien Muskeln vor Überdehnung oder Rissen schützen sollen, sind sie nicht so flexibel wie die Muskeln. Ihre Gitternetzstruktur aus Elastin und Kollagen macht sie »spröder« und »fester«. Werden die Faszien beispielsweise durch das Bindegewebe nicht ausreichend mit Flüssigkeit versorgt, werden sie über die Maßen gefordert – besonders bei starken, ruckartigen Bewegungen. Die spröden, ausgetrockneten Faszien halten der Belastung dann nicht mehr stand und sind viel anfälliger für Verletzungen.

Faszien können auch fühlen und sind so für die Körperwahrnehmung von sehr großer Bedeutung, da sie Bewegungsabläufe koordinieren. So sensibel die Faszien auch sind, so schmerzhaft können sie Laut geben, denn sie besitzen eine hohe Dichte an schmerzleitenden Nervenendigungen (Nozizeptoren). Nicht umsonst werden die Faszien auch als Sinnesorgan bezeichnet.

Schwammeffekt

Das myofasziale Gewebe wird durch die einwirkende Kompression des Gummibandes in Kombination mit durch die Bewegung ausgelösten Scherkräften »ausgewalkt«. Lässt der Druck beim Lösen des Floss-Bandes nach, kann sich das Gewebe wieder von Neuem mit frischer Flüssigkeit auffüllen und gleichzeitig wird seine Durchblutung verbessert. Dies führt zu einer erhöhten Viskosität des myofaszialen Gewebes: Es wird wieder geschmeidiger und sensibler. Muskeln und Faszien können dann besser gleiten und miteinander kommunizieren.

 

Subkutane Irritation

Faszien können Schmerzen auslösen, hervorgerufen durch schlechte Haltung und Überlastung. Ursächlich für Schmerzen im unteren Bereich des Rückens ist nach neuesten Erkenntnissen häufig die Lumbodorsalfaszie (Faszie am unteren Rücken). Hier befinden sich außergewöhnlich viele dieser Schmerzsensoren mit einer niedrigen Reizschwelle. Bei einer schmerzauslösenden Faszie können durch die Applikation und die Therapie mit dem Floss-Band die mechanischen Rezeptoren (Propriozeptoren, Mechanorezeptoren etc.) so stark gereizt werden, dass es zu einer Überlagerung des Schmerzempfindens kommt. Infolgedessen können Schonhaltungen und weitere Verklebungen innerhalb der Faszien verhindert werden. Durch die momentan erreichte Schmerzlinderung kann der Patient die Glied-
maßen wieder normal ohne Einschränkung-en bewegen. Dieser intakte Prozess wird im Gehirn neu abgespeichert, was die bisherige Schonhaltung auflöst beziehungsweise durch die richtige Haltung überschreibt.

 

Kinetic Resolve

Dieser Effekt kommt bei der Beseitigung der sogenannten Crosslinks zum Tragen. Die Faszien bilden diese Querverbindungen nach längeren Fehlhaltungen, Verletzungen oder Ruhigstellung. Resultat: Die Dehnfähigkeit des Bindegewebes vermindert und die Beweglichkeit verschlechtert sich. Durch regelmäßige physiotherapeutische Maßnahmen wie das Flossing lassen sich Crosslinks einerseits verhindern, andererseits auch wieder auflösen. Durch das angelegte Floss-Band und gleichzeitige Bewegungsimpulse werden diese Verklebungen aufgebrochen, um die Mobilität der Gewebsschichten wiederherzustellen. Das Band hält die Haut und subkutanes Gewebe fest und das darunterliegende Gewebe wird dagegenbewegt, indem Torsionen und longitudinale Dehnungen absolviert werden – aktiv durch den Patienten oder passiv durch den Therapeuten.

 

Wirkung von Flossing-Anlagen auf die Gelenke

Die Gelenke im menschlichen Körper sollen – sofern sie völlig intakt sind – optimale, koordinativ anspruchsvolle Bewegungsabläufe ermöglichen und absolvieren können. Ob im Nacken, in der Hüfte, im Knie oder Fußgelenk – nur frei bewegliche Gelenke gewährleisten ein schmerzfreies Alltags- wie Athletenleben. Oftmals ist der erste Schritt der Behandlung hier, die Gelenkmechanik zu richten beziehungsweise das Gelenk zu mobilisieren, um es in die richtige »neutrale« und stabile Stellung zu bringen. Dieses Resetten ist wichtig, da Sensoren im Gelenk die Positionierung, also die Stellung desselben ans Gehirn funken und dieses wiederum mit diesen Daten umliegende Muskeln, Sehnen und Bänder aktiviert. Allerdings muss der Mensch nicht jedes Mal überlegen, wenn er einen Schritt macht oder springt, denn das System verfügt über einen Autopiloten. Dieser kann aber nur so gut sein wie seine Sensoren. Sind die aus unterschiedlichsten Gründen gestört, kann es bei den biomechanischen Abläufen zu Fehlern im System kommen. Die Folgen sind bekannt: Werden Bewegungsabläufe falsch ausgeführt, kommt es nach einer gewissen Zeit zu Überlastungsschäden.

Jedes Gelenk im menschlichen Körper ist von einer Kapsel umschlossen. Deren Aufgabe ist es, das Gelenk mit Flüssigkeit zu versorgen sowie die Gleitfähigkeit innerhalb der Gelenkflächen zu gewährleisten. Bei Fehlhaltungen oder Ruhigstellung kann sich diese Hülle ums Gelenk verhärten oder gar verändern. Bei Verletzungen im Gelenk durch Kontusion (Prellung), Distorsion (Verstauchung) oder Luxation (Verrenkung) erhöht sich im Gros der Fälle durch die Ergüsse in der Kapsel die Flüssigkeitsproduktion. Die Kapsel pumpt sich auf wie ein Luftballon. So ist wenig Bewegung im betroffenen Gelenk möglich und es werden über Rezeptoren starke Schmerzen ausgelöst. Auf diese Weise zwingt der Körper den verletzten Menschen dazu, das Gelenk für einige Zeit zu entlasten. Zudem ist dadurch logischerweise die Körperwahrnehmung gestört, da das Gelenk nicht wie gewohnt in unterschiedliche Richtungen bewegt werden kann.

Allerdings gibt es nicht nur in der Gelenkkapsel solche Rezeptoren, sondern auch in den gelenkumgebenden Strukturen, vor allem in den Bandstrukturen. Bei Rissen oder Überdehnungen werden diese in extremem Maße gereizt. Ähnlich der Muskelverletzung kann es auch hier zu einer Einblutung kommen.

 

Schwammeffekt

Bei Gelenkergüssen und den damit verbundenen starken Schwellungen führt die starke Kompression durch das Floss-Band zum vermehrten Abtransport der Gelenkflüssigkeit durch das Lymphsystem.

 

Subkutane Irritation

Akute Verletzungen des Kapselbandapparats können zu einer schmerzhaften Schwellung führen. Durch subkutane Irritation lassen sich gerade in der Akutphase mittels Reizüberlagerung Schmerzen lindern.

 

Kinetic Resolve

Bei subakuten oder chronischen Bewegungseinschränkungen der Gelenkkapsel sowie falscher Gelenkstellung kann der Kinetic-Resolve-Effekt des Flossings in Verbindung mit aktiven Übungen oder manueller Behandlung zu einem großen Therapieerfolg führen. Zum einen lassen sich so Verklebungen um das Gelenk (im paraartikulären Raum) lösen.Zum anderen wird mittels der entstehenden Distraktionskraft der Druck im Gelenk verringert (Flexion Gapping), so Voodoo-Flossing- Erfinder Kelly Starrett. Dadurch wird die Beweglichkeit in alle Richtungen wiederhergestellt.

 

Wirkung von Flossing-Anlagen auf die Muskulatur

Die Muskeln sind die Kraftwerke des menschlichen Körpers. Werden unsere insgesamt ca. 250 Millionen feine Muskelfasern vom Gehirn richtig angesteuert, ermöglichen sie extreme Bewegungen, erzeugen hohe Kräfte und halten unglaubliche Lasten. Allerdings reichen geringste Veränderungen aus, damit dieses System gestört wird. Selbst kleinste muskuläre Dysbalancen können Schmerzen beziehungsweise Beschwerden verursachen. Anfänglich versucht die starke Muskulatur noch, den Ausfall des Gegenspielers zu kompensieren. Durch die erhöhte Anspannung der »überarbeiteten« Muskulatur ändert sich ihr Tonus, sie wird schlechter durch-blutetet, die Flexibilität mindert sich – und irgendwann verweigert sie oder einer der beteiligten anderen Muskeln, ein Gelenk oder eine Sehne ihren Dienst. Fehl- stellungen der Gelenke sowie Blockaden können ebenfalls die Folge solcher Überlastungen sein. Dies alles zeigt, dass man Muskeln nie einzeln betrachten sollte, sondern als Teil einer funktionellen Muskelkette und »Mitglied« im myofaszialen System. Schließlich hängt alles mit allem zusammen. Das bedeutet, dass bei Beschwerden, Verletzungen und Bewegungseinschränkungen am Muskel auch immer die Faszie beeinflusst wird und natürlich auch umgekehrt.

 

Schwammeffekt

Gerade um die Regeneration von Muskeln zu beschleunigen, ist das Training mit dem Floss-Band sinnvoll. Durch den hohen Kompressionsdruck werden Schadstoffe und Abfallprodukte aus den Muskelzellen und dessen Bindegewebsschichten (Endomysium) herausgepresst und dem Lymphsystem zugeleitet. Nachdem das Band gelöst wurde, »öffnet« sich das Gewebe wieder und wird mit frischer extrazellulärer Flüssigkeit durchspült und im Zuge eines stark erhöhten Blutflusses mit Glykogen und Sauerstoff versorgt. Die Muskelzelle erhält so ein frisches Milieu, was eine ökonomische Kontraktion bzw. Relaxation erleichtert. Das Endomysium wird bei verklebter Muskulatur mit mehr Flüssigkeit versorgt, was die Gleitfähigkeit unter den Muskelfasern positiv beeinflusst.

Während Muskeln unter Kompression bewegt werden, wird dem Organismus ein Versorgungsnotstand signalisiert: wenig Blut, ergo wenig Sauerstoff und Glykogen. Dieser Reiz versetzt die beteiligten Systeme in Alarmbereitschaft, was sie dazu veranlasst, für schnellere und vor allem qualitativ bessere Versorgung zu sorgen. So lässt sich die Wirkung des Schwammeffekts nochmals steigern.

Bei akuten Verletzungen der Muskulatur wie leichten Faserrissen oder einem Muskelkater hilft eine Anlage mit dem Floss-Band ebenfalls. Durch den hohen Druck wird das Gewebe so komprimiert, dass das typische Einbluten verringert wird. Der Wechsel zwischen Druck und Entlastung verbessert wiederum den Abtransport von Schlacken und Abfallprodukten, sodass weitere Entzündungen verhindert beziehungsweise minimiert werden können, ohne die Prozesse zu verhindern, die für die Autoreparatur nötig sind. Somit kann man manualtherapeutisch adaptiven Dysfunktionen im gesamten System vorgreifen.

 

Euer Andreas Ahlhorn und Dennis Krämer

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