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Ein guter Athlet ist ein beweglicher Athlet

Von: Steve Cotter

14.07.2017 | Mobility

Wenn du das Ziel hast, dich zum Modellathleten zu entwickeln oder in athletischer Hinsicht die beste Version deiner selbst zu werden, welche Eigenschaften müsstest du dann entwickeln? Worum solltest du dich vor allem kümmern – um Kraft, Ausdauer, Schnellkraft, Gleichgewicht, Präzision, Mobilität oder um etwas ganz anderes? Die wichtigsten Elemente werden größtenteils davon abhängen, wie du Athletik misst und ausdrückst. Sind nur physische Merkmale notwendig, oder gibt es vielleicht auch psychische Eigenschaften, die man haben muss, um als Athlet sein Potenzial ausschöpfen zu können?

Wenn wir nicht auf unsere athletische Entwicklung achten, sondern darauf, wie wir uns als bewegendes Wesen entwickeln, gibt es kein spezifisches sportliches Ziel mehr, sondern vielmehr die Fokussierung auf Bewegungsfertigkeiten, die auf viele kreative Arten zum Ausdruck gebracht werden können. Im Fitnesstraining achtet man dann mehr darauf, dass man sich ungehindert bewegen kann, und das geht weit darüber hinaus, sich einfach irgendwo hinzustellen oder hinzulegen und den Körper gegen eine feste Unterlage zu bewegen (vgl. Gewichtheben, Kraftdreikampf). Rennen, springen, hüpfen und seitwärts laufen, krabbeln, sich auf dem Boden rollen, klettern, Saltos machen und andere Formen der Fortbewegung haben die Aufmerksamkeit des modernen, fitnessorientierten Menschen auf sich gezogen. Es gibt viele Entwicklungen wie etwa Parkour/Free-Running, natürliche Bewegungen und Trainingsformen, die von der Tierwelt inspiriert sind. Diese Konzepte stehen in deutlichem Kontrast zum Bodybuilding, das auch heute noch existiert, und lässt die Frage aufkommen, was es eigentlich bedeutet, athletisch zu sein. Gibt es einen Unterschied zwischen Mobilität und Beweglichkeit, der wichtig ist, wenn man sein Bewegungspotenzial optimieren will? Auf welche Weise und wie oft sollten diese Atttribute trainiert werden?

In vielen Diskussionen zum Thema Fitness herrscht oft die Ansicht, dass Mobilität wichtiger als Beweglichkeit ist, dass Beweglichkeit ein Bestandteil der Mobilität ist. Die Vorstellung, dass Beweglichkeit ein statischer Bewegungsumfang ist und Mobilität Bewegung/Schnellkraft innerhalb eines (kontrollierten) Bewegungsumfangs, hat zur Folge, dass Athleten der Verbesserung der Beweglichkeit keine allzu große Bedeutung beimessen. Dieser Ansicht nach ist Mobilität „Beweglichkeit im praktischen Einsatz“, weshalb sie einen höheren Stellenwert hat als Beweglichkeitstraining, der die Bewegungskomponente (Mobilität) fehlt.

 

Ein Blick auf gängige Definitionen hilft, einen Kontext für diese Diskussion herzustellen:

Mobilität: Die Fähigkeit, sich frei und ungehindert zu bewegen oder bewegt zu werden.

Beweglichkeit: Die Fähigkeit, gebogen zu werden ohne zu brechen; Biegsamkeit.

Mobilität beschreibt die Fähigkeit, sich leicht zu bewegen, und Beweglichkeit beschreibt die Fähigkeit sich zu beugen; auf Muskeln bezogen heißt das, dass diese in der Lage sind zu kontrahieren (wenn man den Bizeps beugt, spannt man ihn automatisch an). Wenn wir uns diese Tatsache vor Augen führen, wird schnell klar, dass Beweglichkeit auch eine Form von Krafttraining ist. Um Muskeln zu dehnen, muss man sie kontrahieren. Wie andere Formen des Widerstandstrainings gilt auch hier: Je stärker die Kontraktionen, umso höher die Kraftentwicklung. Auf das Dehnen angewendet gilt: Je stärker die Kontraktion, umso größer der Bewegungsumfang, der erreicht werden kann.

Auf ein Trainingssystem mit dem Schwerpunkt Bewegung bezogen heißt das: Wenn Mobilität die Bewegung zwischen Punkt A und Punkt B ist, kann Beweglichkeit als die Fähigkeit betrachtet werden, den Bewegungsumfang zwischen den beiden Endpunkten zu vergrößern, und zwar mühelos. Mobilität ist die Bewegung an einem Seil entlang, und Beweglichkeit sind die beiden Ankerpunkte, die das Seil sichern. Wenn die Anker fest sind, steigt das Bewegungspotenzial. Wenn man sich nur auf die Mobilität konzentriert, ohne genauso viel Aufmerksamkeit auf die Beweglichkeit zu richten, wird man sein Bewegungspotenzial nicht vollständig erschließen können.

 

Man sollte sich daher folgende Fragen stellen:

 

Kann man seine Bewegungsqualität optimieren, wenn man seine Beweglichkeit vernachlässigt? Kann Beweglichkeitstraining die Mobilität verbessern?

Ich behaupte, dass die Entwicklung der Beweglichkeit die Grundlage für eine bessere Mobilität ist. Es gibt einige wichtige physische und psychische Vorteile, die eine konsequente Schulung der Beweglichkeit bietet, wenn man sich in sportlicher Hinsicht lebenslang weiterentwickeln will. Beweglichkeit ist Kontraktion – und nicht einfach nur mit einem passiven Bewegungsumfang gleichzusetzen. Erhöht man seine Beweglichkeit, erhöht man seine Kraft. Um seinen Bewegungsumfang zu vergrößern, müssen die Muskeln umtrainiert werden. Das sogenannte statische Dehnen steht unter Athleten in einem schlechten Ruf, aber in Wirklichkeit gibt es so etwas gar nicht. Sich dehnen heißt kontrahieren, und das ist eine hochdynamische Aktivität. Obwohl man die Bewegung nicht sehen kann, spielt sie sich in den Muskeln ab. Wenn man das dynamische Wesen der Dehntechniken versteht (und damit auch das „statische Dehnen“), wendet man dieselbe Form von Progression an wie in einem Kraftprogramm. Beide folgen dem Prinzip der progressiven Überlastung.

Psychosomatisch – die Interaktion von Körper und Geist betreffend. Wenn du dich dehnst, bringt du dich vor allem in eine ruhige Zone, die ein Bewusstsein für die enge Verbindung von Geist, Körper und Atmung schafft. Beim Dehnen lernen wir, den Kopf auszuschalten und in den Körper hineinzuhören. Weniger denken, mehr fühlen. Das ist eine Fähigkeit, die man lernen kann und weit über einen tieferen Spagat oder einen höheren Tritt geht. Man verweilt im Augenblick und ist dadurch in der Lage, auch unter Stress entspannt zu bleiben. Schließlich ist Kontraktion eine Form von Stress. Es gibt ein Yin/Yang, das gleichzeitig eine intensive Anstrengung und völlige Lösung erfordert, wenn man sich in eine Dehnung hineinbegibt.

Körperlich dehnen wir das Muskelgewebe, mental entspannen wir den Geist und überschreiten die Grenzen, die wir uns selbst auferlegt haben. Mehr Bewegungsfreiheit, freieres Bewusstsein. Neue Umfänge, neue Möglichkeiten. Beweglichkeit erforscht das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung. Es existiert eine Opposition, ein Drücken, das mit einem Ziehen kombiniert wird. Dies erzeugt einen Widerstand – was eine Form von Krafttraining ist. Gleichzeitig entspannen sich die nicht arbeitenden Muskeln.

Die erlernte Fähigkeit der Entspannung, selbst in der Anspannung, verbessert die Gesundheit und das Wohlbefinden, indem sie das Nervensystem beruhigt, das Stressempfinden und den Blutdruck senkt. Außerdem hilft Entspannung dabei, den Geist frei zu machen, um unerwartete oder unangenehme Situationen besser bewältigen zu können. Die Interaktion von Körper, Geist und Atmung ist eine körperliche Meditation und die Fokussierung auf die innere Wahrnehmung.

„Flow ist geschmeidig, und geschmeidig ist schnell“. Damit lässt sich das Verhältnis von Beweglichkeit und Mobilität auf den Punkt bringen. Mit langsamen Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit bildet man die Grundlage für geschmeidige, schnelle Bewegungen. Ein progressives Beweglichkeitsprogramm kann den Ausgangspunkt für körperliche Beschwerdefreiheit bilden. Es kommt früher oder später der Punkt, an dem es für den Athleten nicht mehr so wichtig ist, immer schwerere Gewichte zu heben und immer mehr Wiederholungen zu schaffen – und er fängt an, Wohlbefinden und die Linderung oder Beseitigung von Schmerzen, Verspannungen und körperlichem Unbehagen höhere Priorität einzuräumen.

In dieser Phase wirkt sich das Wissen um die Beweglichkeit sehr positiv auf die Lebensqualität aus. Im Nachhinein ist man immer schlauer, deshalb gilt: Je früher man lernt, Körper und Geist beweglich zu halten, umso gesünder ist die Basis, auf der man baut. Durch das Dehnen können wir das Gewebe verlängern und dekomprimieren. Erkunde durch Bewegung bisher unerforschte Aspekte deiner Persönlichkeit; stehen bestimmte Schmerzen in Bezug zu Dingen, die dich geistig oder emotional beschäftigen? Ist es möglich, durch die Ergründung des körperlichen Schmerzes mehr über seine Bedeutung und Ursache/Wirkung zu erfahren? Ein durchdachtes Beweglichkeitsprogramm vermag nicht nur die sportliche Leistungsfähigkeit zu steigern, sondern auch Schmerzen und Bewegungseinschränkungen zu lindern oder ganz zu beseitigen, um so die Weichen für ein langes und gesundes Leben zu stellen.

 

Haltung

Beweglichkeitstraining ist entscheidend, um die Ausrichtung des Körpers aufrechtzuerhalten; dafür muss man ihn ganzheitlich von Kopf bis Fuß betrachten. Nur dann kann man sich gut und natürlich bewegen. Es ist dasselbe wie „Core-Aktivierung“ und nähert sich dem Core von innen heraus, was eigentlich auch die Grundbedeutung von „Core“ ist (das sich aus dem lateinischen Wort cora für Herz ableitet). Berücksichtige die Rolle der Beweglichkeit und ihre Bedeutung, um dauerhaft gesund, zufrieden, ausgeglichen, fit und vital zu sein.

Die Botschaft ist klar: Maximale Mobilität ist nur möglich, wenn du deine Beweglichkeit entwickelst.

 

Euer Steve Cotter

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